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Freitag, 18.05.2012      





Harpagophytum krallt Rheuma


Was afrikanische Medizinmänner über Jahrhunderte als Geheimnis hüteten, untersuchen heutige Wissenschaftler mit akribischen Methoden. Auch mit modernen Studiendesigns gemessen wirkt Teufelskrallen-Extrakt gut bis sehr gut bei degenerativen Krankheiten des Bewegungsapparates, ohne bedenkliche Nebenwirkungen zu entfalten. Besonders wichtig ist dies für eine länger dauernde Behandlung.

Die südafrikanische Teufelskralle, ein Sesamgewächs aus der Kalahari, wurde traditionell schon lange durch afrikanische Medizinmänner eingesetzt, die ihre Kenntnisse über die heilkräftige Wirkung aber streng geheim hielten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnten Europäer ihnen ihr Wissen entlocken. Für moderne Fertigarzneimittel werden Extrakte aus der sekundären Speicherwurzel von Harpagophytum procumbens verwendet. Die Pflanze verdankt ihren Namen der charakteristischen Krallenform ihrer klettenartigen Früchte (harpago = Enterhaken, "Harpune").

Inhaltsstoffe

Die wichtigsten wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe sind die Iridoide und Iridoglykoside Harpagosid (Zimtsäureester), Procumbid und Harpagid, die für die Wirkung und auch für den bitteren Geschmack verantwortlich sind. Weitere Inhaltsstoffe sind Flavonoide, verschiedene Zucker (bis 70 Prozent des Trockengewichts der Speicherknolle), Fette, Wachse, Harze, ätherisches Öl u.a. Wie bei jedem Naturstoff kann der Gehalt des Extraktes an wirksamen Inhaltsstoffen, z.B. der Leitsubstanz Harpagosid, schwanken.

Für eine verlässliche Therapie ist es wichtig, Präparate mit standardisierten Extrakten zu verwenden. Bei selbst zubereiteten Tees beispielsweise ist die therapeutische Qualität unter Umständen nicht gegeben. Nicht ein Einzelwirkstoff, sondern der Gesamtextrakt ist für die Wirkung verantwortlich. Derzeitige Forschungen deuten darauf hin, dass er in den Stoffwechsel der Schmerz- und Entzündungsbotenstoffe eingreift und so die Kaskade unterbricht, die Schmerz und Entzündung unterhält. Über diesen Mechanismus wirken die synthetischen nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) ebenfalls, wenn auch an anderer Stelle des Reaktionsablaufs. Die schmerzhemmende Wirkung des Harpagophytum-Extraktes ist zwar schwächer ausgeprägt, der entzündungshemmende Effekt bei leichteren bis mittelgradigen Krankheitsstadien aber mit konventionellen NSAR vergleichbar.

Heilanzeigen

Traditionell wurden Teufelskrallen-Extrakte bei Rheuma und anderen Schmerzen eingesetzt (z.B. in der Geburtshilfe), darüber hinaus bei Leber-, Gallen-, Magen-, Nieren- und Blasenleiden und als Wundheilmittel. Heutige Studien befassen sich in erster Linie mit ihrer entzündungshemmenden und schmerzlindernden Wirkung bei degenerativen Krankheiten des Bewegungsapparates. Bei leichteren bis mittelgradigen Beschwerden ist die Wirkung von Teufelskrallen-Extrakten derjenigen nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) ebenbürtig, ohne aber die ernsten Nebenwirkungen der Synthetika in Kauf nehmen zu müssen. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil die degenerativen Krankheiten der Wirbelsäule, der Knie- und Hüftgelenke chronisch verlaufen und oftmals eine Behandlung über längere Zeiträume notwendig wird.

Hinweis: Für die akuten Schmerzen bei einer aktivierten Arthrose ist Teufelskralle weniger geeignet. Die höhere Sicherheit ist mit einem langsameren Wirkungseintritt als bei den NSAR verknüpft. Die Wirkung beginnt sich spürbar ab etwa eine Woche bis 10 Tage nach Einnahmebeginn zu entfalten.

Kaum unerwünschte Wirkungen

Teufelskrallen-Präparate zeichnet eine hohe therapeutische Sicherheit aus. Eine giftige Wirkung konnte in entsprechenden experimentellen Versuchsanordnungen praktisch nicht erreicht werden. Mögliche Nebenwirkungen resultieren aus der Eigenschaft der Bitterstoffe, die Magensaft-, Gallen- und Dünndarm-/Bauchspeicheldrüsensekretion anzuregen. Bei vielen, vor allem älteren Patienten ist das meist erwünscht. Bei Empfindlichen können aber (selten) Magen-Darm-Beschwerden resultieren.

Eine absolute Gegenanzeige ergibt sich nur bei akuten Magen-Dünndarm-Geschwüren, weil hier die Anregung der Sekretion nicht erwünscht ist. Bei Gallenproblemen muss die Einnahme von der individuellen Ausprägung abhängig gemacht werden. Die insgesamt hervorragende Verträglichkeit, vor allem auch bei langfristiger Anwendung, macht Teufelskralle zur sinnvollen Alternative im medikamentösen Behandlungskonzept degenerativer rheumatischer Erkrankungen. Auch bei schwereren Beschwerdebildern, bei denen die Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika oder sogar Kortikoiden unumgänglich ist, kann es sinnvoll sein, das pflanzliche Präparat hinzu zu kombinieren, um nach Eintreten der Wirkung die Dosis der Synthetika zu senken, wodurch sich deren Risiko unerwünschter Wirkungen vermindert (und auch die Kosten verringert werden).

Bei degenerativen Gelenkproblemen ist Bewegung und nochmals Bewegung - mit möglichst geringer Belastung - der Dreh- und Angelpunkt der Behandlung, weil sie die Gelenkfunktion erhält oder sogar verbessert, die Durchblutung und die Knorpelernährung steigert und Behinderungen im Alltag aufhält. Vielfach durchkreuzen Schmerzen aber die besten Vorsätze. Ohne wirksame Schmerzbehandlung und Entzündungshemmung führt Bewegung daher nicht weit. Kälte bzw. Wärme, äusserliche Anwendungen wie warme Bäder und Einreibungen, naturheilkundliche Behandlungsformen wie Akupunktur, Neuraltherapie oder Schröpfbehandlung können die Schmerzen lindern.

Auch Teufelskrallen-Extrakt lindert die Schmerzen, jedoch erst nach einer Behandlungsdauer von ca. 7 bis 14 Tagen. Ein weiterer Behandlungsbaustein ist das Bremsen des Entzündungsprozesses. Er ist nicht nur für die Schmerzen verantwortlich, sondern zerstört auch das Gelenk. Ist die Gelenkfläche erst einmal uneben geworden, gerät das gesamte Krankheitsbild auf die schiefe Bahn: Ein nicht mehr glattes Gelenk verschleisst stärker, das wiederum ruft Fehlstellungen, Schonhaltungen und Schmerzen hervor, die dabei entstehenden Stoffwechselprodukte greifen zusätzlich den Knorpel an usw. Die Entzündung muss daher gestoppt werden. Während an anderen Stellen des Körpers dafür Schonung und Ruhe geeignet ist, steht diese Möglichkeiten an den Gelenken nur mit Vorbehalten zur Verfügung, weil sie bei Ruhigstellung rasch versteifen.

Deshalb ist es umso wichtiger, die Beweglichkeit zu erhalten, indem Entzündungsprozesse ausgeschaltet werden, die wiederum die Schmerzen unterhalten. Ideal ist ein komplexes Behandlungskonzept, das wie Teufelskralle die Entzündung hemmt, gezielte Bewegungsübungen umfasst, Fehlbelastungen beseitigt (Haltungsstörungen, auch aufgrund psychischer Belastung, schlechte Matratze, ungeeignetes Schuhwerk usw.), physikalische Massnahmen wie Wärme oder Kälte gezielt einsetzt und eine bewusste Ernährung mit wenig Fetten von landlebenden Tieren, reichlich pflanzlicher (= meist basischer) Kost, Omega-3-Fettsäuren (z.B. aus fettem Seefisch) und bedarfsgerechtem Energiegehalt (Gelenkentlastung durch Gewichtsabnahme) vermittelt.

Gesicherte Fakten

Inzwischen wurden in etlichen Studien zur Wirkung des Teufelskrallen-Exktraktes die gleichen Kriterien wie bei konventionellen Pharmaka angelegt, z.B. Placebo-Doppelblind-Versuch. Die Wirkung liess sich gut belegen. Hingewiesen werden sollten die Patienten aber auf jeden Fall auf die Tatsache, dass sie für eine spürbare Erleichterung zunächst etwas Geduld aufbringen müssen, dafür aber Nebenwirkungen kaum in Kauf nehmen müssen. Vor allem bei älteren, mehrfach erkrankten Patienten ist darüber hinaus vorteilhaft, dass keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu bedenken sind.

Dr. med. Ulrike Novotny

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