Die Birke - Baum des Anfangs
Sicherlich
würden viele Menschen,
wenn man sie nach dem Baum
fragen würde, der für sie den Frühling
symbolisiert, die Birke nennen
und sich dabei das strahlende Grün
der jungen Blätter vorstellen und
dazu einen blauen Frühlingshimmel
...
Von je her war der
Frühling die Zeit des
wiedererwachenden Lebens
und des Neubeginns. Unsere
Vorfahren in vorchristlichen Zeiten
hatten die Vorstellung einer Vegetationsgöttin,
die sich in jeder Jahreszeit in anderer
Form zeigt und die sich im Winter
unter die Erde und in die Unterwelt zurückzieht,
um im Frühjahr als junge Frau,
genannt Brigit oder Birgit, wieder auf die
Erde zurückzukehren, um die schlafenden
Samen zu wecken, das Grün keimen und
die Säfte wieder fl iessen zu lassen. Der Tag
der Brigit war der 2. Februar, der Tag, an
dem die Katholiken bis heute Mariä Lichtmess
feiern, und alle spüren, dass die Tage
wieder spürbar länger werden. Auch der
keltische Baumkalender begann am 2. Februar
und der „Baum des Anfangs“, der
auch der Frühjahrsgöttin Brigit zugeordnet
war, war die Birke.
Nicht nur ihr leuchtendes Aussehen
macht sie zu einem hoch geschätzten
Baum, sondern auch die Vielfältigkeit
ihrer Gaben: „Nierenbaum“, so wird die
Birke (lat. Betula) auch genannt, und so,
wie die Birke als Baum einen sehr engen
Bezug zum Wasser hat, so ist ihre medizinisch
wichtigste Wirkung auch die auf den
menschlichen „Wasserhaushalt“. Birkenblätter
zählen zu den „Aquaretika“, zu den
Heilpfl anzen, die für eine „Durchspülung“
des Körpers eingesetzt werden können. Sie
enthalten Flavonoide, Saponine, ätherisches
Öl, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Kalium,
Calcium, Vitamin C. Birkenblätter (als
Tee, Saft, Präparat) wirken anregend auf
die Nierenfunktion, harntreibend, harndesinfi
zierend, entwässernd, stoffwechselfördernd
und entgiftend.
Mit ihren gleichzeitig entzündungshemmenden
Eigenschaften eignet sich
die Birke damit zur Behandlung von Erkrankungen
der ableitenden Harnwege,
bei Nierenfunktionsschwäche und Nierengriess,
zur Verhütung von Harnsteinbildung
ebenso wie zur Unterstützung
der Behandlung von rheumatischen Beschwerden,
Gicht und Hautkrankheiten.
Birkenblätter haben keine nierenreizende
Wirkung, auch in der länger andauernden
Behandlung nicht, und auch eine gleichzeitige
Ausschwemmung von Mineralsalzen
konnte nicht festgestellt werden. Ihre
stoffwechselfördernden, entwässernden,
entgiftenden Eigenschaften machen die
Birke – ebenso wie die Brennnessel z.B.
(Natürlich Gesund 1/06) – zu einer der
Pfl anzen, die sich für eine Frühjahrskur,
Entschlackungskur oder Reduktionsdiät
eignen, als vorsorgende Massnahme für
Gesundheit und Schönheit und um die
eigenen Energien wieder zu „mobilisieren“.
Immer ist bei „Birkenkuren“ darauf zu
achten, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu
nehmen – lieber mehr als weniger, wie übrigens
bei allen Therapien oder Kuren mit
stark stoffwechselanregenden Pflanzen!
Und: Eine solche „Durchspülungstherapie“
darf nicht durchgeführt werden bei
Ödemen in Folge eingeschränkter Herzoder
Nierentätigkeit, da hier eine erhöhte
Flüssigkeitsaufnahme vermieden werden
muss.
In der Volksheilkunde werden frische
Birkenblätter auch äusserlich als Aufl agen
verwendet, bei Gelenkschmerzen und zur
Wundheilung. „Auch bei Rheumatismus
(auch äusserliche Einhüllung der Gelenke
in frische Birkenblätter, die mehrere
Tage liegen bleiben, oder Vollbad mit
Absud von frischen Birkenblättern) wird
Betula sehr häufi g gegeben“ (Madaus,
Lehrbuch der biologischen Heilmittel,
1938). Durch Destillation von Zweigen
und Rinde wird Birkenteer und Birkenöl
(„Juchtenöl“)gewonnen; Birkenteer wird
eingesetzt zum Öffnen von Abszessen und
das Öl, in Salben verarbeitet, bei Schrunden,
Hornhaut und rheumatischen Beschwerden.
Bei den Indianern Nordamerikas
wurde die Birke in noch viel grösserem
Mass für Heilzwecke eingesetzt als bei
uns: Neben den oben beschriebenen Anwendungsformen
wurde das im Herbst
geschlagene Holz verbrannt und geräuchert
zur Desinfektion (z.B. in Quarantänebehausungen);
Birkenasche wurde zur
äusserlichen Behandlung von bakteriellen
Hautkrankheiten verwendet; die Früchte
wurden geröstet und inhaliert bei Infektionen
der Atemwege; Wurzelpulver
wurde hergestellt zur Mundspülung; aus
verschiedenen Teilen der Birke wurden
Öle destilliert .... und vieles mehr. Immer
mussten Erntezeitpunkte, Standort,
Zubereitung beachtet werden – eine sehr
weit entwickelte Form der „Baumheilkunde“!
(ausführlicher nachzulesen bei: H.J.
Stammel: Die Apotheke Manitous, rororo-
Sachbuch)
Aber, auch wenn hier natürlich die
gesundheitsfördernden Wirkungen der
Birke im Vordergrund stehen, so sollen
doch alle die anderen guten Eigenschaften
und Fähigkeiten der Birke zumindest
aufgezählt werden: Die Zweige geben
wunderbare (Hexen-)Besen; Birkenrinde
ist wasserundurchlässig und eignet sich
(sozusagen als „Teerpappenersatz“) zum
Abdichten von Dächern und Balken, zum
Herstellen von (Indianer-)Booten und
Gefässen („Ötzi“ hatte vor 4000 Jahren
schon einen Becher aus Birkenrinde bei
sich) aber auch für wasserdichte Kleidungsstücke;
die Innenrinde kann gekocht
(„Trapperspaghetti“) oder zu Mehl verarbeitet
und verspeist werden; das Holz wird
verarbeitet zu Holzschuhen, Trögen, Löffeln,
Kellen, Schüsseln, ausserdem brennt
Birkenholz sogar im nassen Zustand; mit
Birkenteer wird Leder gegerbt, Herrenparfüm
aromatisiert und sogar als Druckerschwärze
eignet es sich; aus Birkenharz ist
der vermutlich älteste Zahnpfl ege-Kaugummi
der Welt hergestellt worden; mit
Birkenblättern lassen sich Wolle, Seide
oder auch Ostereier färben; und, wenn die
Rinde in ganz feinen Scheiben abblättert,
dann kann man auch heute noch, im Zeitalter
der emails und SMS ganz besonders
wertvolle Briefe darauf schreiben …
Anwendung
Durchspülungstherapie: 1TL getrocknete
oder 1EL frische Birkenblätter auf
eine Tasse heisses Wasser, 15 Minuten
zugedeckt ziehen lassen, mehrere Tassen
täglich warm trinken, bis zu einem Liter/
Tag; 3–6 Wochen lang.
Gerne auch in Teemischungen, je nach
Beschwerden, z.B. mit Goldrute und
Schachtelhalm bei Harnwegsinfekten oder
mit Brennnesseln, Löwenzahn, Veilchenblüten,
jungen Schafgarbeblättern und
Gänseblümchenblüten zur Frühjahrskur.
(Die Teemenge: 1 TL bzw. 1 EL/Tasse erhöht
sich nicht bei Mischungen!).
Fertigpräparate bei den o.g. Indikationen
Tee äusserlich als Bad bei rheumatischen
Beschwerden, als Bad, Waschung
oder Auflage bei Hautkrankheiten, als
Fussbad bei übermässigem Fussschweiss
und als Bestandteil von Haarwasser.
Umschläge mit frischen Birkenblättern
bei Gelenkschmerzen
„Birkensaft“: Im Frühling, bevor die
Blätter gebildet werden, können Birken
„angezapft“ und so der Saft der Birken
gewonnen werden. Bitte nur mit entsprechender
Vorerfahrung und Erlaubnis
des Besitzers durchführen! (vergl. dazu:
B.Vonarburg: „Natürlich gesund mit Heilpfl
anzen“). Dieser zuckerhaltige Birkensaft
gilt als eine Art natürliches „Lebenselexier“,
er wird am besten im Frühjahr frisch
genossen, wirkt stoffwechselanregend und
reinigend, blutbildend, stärkend und vitalisierend.
Äusserlich wird er als Gesichtswasser
und Haarwasser verwendet.
Frische junge Blätter als Beigabe in Salat
oder Kräuterquark
Birkenöl: als Salbe verarbeitet, bei
Schrunden, Hornhaut und rheumatischen
Beschwerden .
Birkenteer: zum Öffnen von Abszessen
Text: Ursula Bertsch, Hansjakobstr. 136,
D-79117 Freiburg, www.ursula-bertsch.de
aus
Natürlich GESUND - 10. Jahrgang - Nr. 2 - April 2006
|