natürlich GESUND
Donnerstag, 11.03.2010      





Teezeremonie als Lebensweg

Zieh dich zurück. Aus dem Alltag. Dem Lärm. Der Hetze. Ganz zurück. Noch weiter. Gut so. Lass alles hinter dir. Auch deinen Status. Öffne dich in Demut für den kleinen, schlichten Raum, in dem du sitzt. Knie dich hin. Atme die Harmonie, die Hochachtung, die Reinheit und die Stille in dich ein. Lass Herz und Geist diese Atmosphäre aufsaugen. Lass sie ganz darin eintauchen wie ein Teebesen, der den Tee schaumig schlägt

Hier geht es um nichts weniger als um die Zubereitung einer Schale Tee. Um die Kunst, einen Tee jenseits der Teebeutelhast und doch in aller Schlichtheit zuzubereiten, zu servieren und entgegenzunehmen. Dabei kann der Begriff der Teezeremonie zu Missverständnissen führen, denn es handelt sich nicht um ein Ritual, das man vergisst, sobald man den Teeraum verlässt. Die Japaner nennen es chado und geben damit Richtung und Bedeutung vor, denn chado führt uns auf einen Teeweg (cha = Tee, do = Weg), wo nur eins zählt: Tee mit einem reinen Herzen zu servieren. „Der Teeweg vermittelt im Anbieten und Entgegennehmen einer Schale Tee die Schönheit und Würde menschlicher Beziehungen“, sagt der japanische Teemeister Sen Soshitsu XV., der in der langen Tradition der Urasenke-Teeschule steht. Lässt man seine Worte langsam ins Bewusstsein sickern, entsteht ein Bild dessen, was chado sein kann, nämlich geprägt von asketischer Einfachheit, von existenzieller Tiefe und von gegenseitiger Hochachtung.

Diesen Eindruck bestätigt der deutsche Teelehrer Ulrich Haas, der die Kunst des Tees in Japan studiert hat und sie im süddeutschen Merzhausen lehrt. Im Teeweg sieht er vor allem eine Interaktion zwischen Gastgeber und Gast, das Einüben von Geben und Nehmen. Entscheidend sei dabei, miteinander in Kommunikation zu treten – und das nicht notwendigerweise mit Worten.

Pulver der Freude

Seine Verbreitung als Genussmittel fand der Tee zunächst in China während der Tang-Dynastie (618-907), da es sich ereignete, dass der teeverrückte buddhistische Mönch Lu Yu (733-804) das „Klassische Buch vom Tee“ verfasste. Beschrieben wird die tiefe Freude, die Zubereitung und Genuss des Tees bereiten. Damals presste man regelrechte Teeplatten in Ziegelform. Zur Zubereitung wurden sie erwärmt und gerieben, um dann das Pulver mit heißem Wasser aufzugießen.

Ungefähr zu jener Zeit kehrte auch der japanische Mönch Saicho teegeschult aus China in sein Heimatland zurück. Er brachte seinen Landsleuten den Samen und ein Kulturgut, das sich in den folgenden Jahrhunderten erfolgreich etablieren sollte. Später, ab dem 9. Jahrhundert, waren es in Japan vor allem Zen-Mönche, die dem Tee huldigten, denn er hatte die angenehme Wirkung, Meditierende wach zu halten und leichtere Krankheiten zu heilen. Auch die Klasse der Fürsten und Krieger entdeckte die sich aus den mönchischen Teeregeln entwickelnde Teezeremonie für sich, weil sie einerseits der Erbauung diente und andererseits mit ihren Regeln dem strengen Lebenswandel der Samurai entgegenkam.

Strenge Kunst

Wer zum ersten Mal einer japanischen Teezeremonie beiwohnt, lernt, was es heißt, Gast zu sein. Das beinhaltet vor allem die wertschätzende Begutachtung der Teeschalen, der Gerätschaft, des Blumengestecks und der Kalligraphie in der tokonoma, der Nische des Teeraumes. Gast zu sein bedeutet auch, den sparsamen und gekonnten Handgriffen des Teemeisters zu folgen, die in der Darreichung einer Schale Tee ihren Höhepunkt haben – diesen zu genießen ist alleiniger Sinn und Zweck dieses Augenblicks. Wer sich in der Kunst des chado übt, möchte ein vollendeter Gastgeber sein. Dazu gehört, in vollkommener Achtsamkeit den Tee zu bereiten, den Gästen höchste Aufmerksamkeit zu schenken und den Teeraum der Jahreszeit und dem Anlass gemäß zu gestalten. Oberstes Prinzip hierbei: Schlichtheit.

Der bis heute Maßstäbe setzende Tee-Urgroßmeister und Vollender des chado, Sen no Rikyu (1522-1591), hat diese Schlichtheit wesentlich beeinflusst, die mit Chanoyu zum Ausdruck kommt. Chanoyu bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger als „heißes Wasser für Tee“. Rikyu und sein Lehrer Joo (1502-1555) profitierten davon, dass die Teezeremonie rund drei Generationen zuvor die Begeisterung des Shoguns Yoshimasa Ashikaga weckte. Die frohe Kunde der Teekunst verbreitete sich daraufhin in weiten Kreisen der Bevölkerung. Bis heute entscheidend für Chanoyu ist und bleibt der Grundgedanke von formaler Strenge, der auch tief verankert ist im Zen oder der Kriegskunst der Samurai. Und hierin zeigten sich vor über 400 Jahren eben Joo und Rikyu als die wahren Könner. Noch heute orientieren sich die Teemeister an ihrer Kunst. In seinem Roman „Der Tod des Teemeisters“ legt der Schriftsteller Yasushi Inoue dem Großmeister Rikyu folgendes Lebensmotto in den Mund: „Stets mit Leib und Seele auf dem Teeweg der schlichten Strenge wandeln.“ Aus einer Kunstfertigkeit wird damit eine Lebenseinstellung, der eine ganz bestimmte Ästhetik zugrunde liegt: wabi.

Auf allen vieren

Wabi liebt das Schlichte, Raue, Asymmetrische, Verblasste und Unvollkommene und bewegt sich damit ganz im Geiste des Zen-Buddhismus. Eine leicht schiefe Teeschale etwa entspricht dieser Vorstellung; denn im Zen heißt es, alle Dinge, so wie sie sind, enthalten Perfektion und Vollkommenheit – vorausgesetzt, man ist in der Lage, sie zu erkennen.

Wo zuvor die Teezeremonie dem Ideal des Prächtigen huldigte – nicht zuletzt weil Tee vorwiegend in Herrscherhäusern kredenzt wurde –, verzichtete Joo auf große Räumlichkeiten und verlegte die Zeremonie in eine Hütte, die nicht mehr als zwei bis vier Tatami (Reistrohmatten) auf drei bis sechs Quadratmeter Fläche barg. Als Zugang diente ein etwa 60 mal 60 Zentimeter großer Kriecheingang. Man stelle sich einen bedeutenden Herrscher und Krieger des 16. Jahrhunderts vor, wie er als Teegast Waffen und sonstige Insignien ablegt, um in die Teehütte zu krabbeln: Pardon, aber vor dem Tee sind alle gleich. So soll auch Urgroßmeister Rikyu gesagt haben: „Die Teezeremonie auf kleinstem Raume dient hauptsächlich der Praxis der Meditation und hat Erleuchtung zum Ziel.“

Schule fürs Leben

Den spirituellen Charakter des chado bestätigt der im oberfränkischen Igensdorf lebende Teelehrer Gerhardt Staufenbiel: „Tee und Zen sind ein Geschmack, volle Konzentration, Stille und Präsenz. Gäste und Gastgeber werden im Laufe der Zeremonie eins, und das prägt den Alltag. Denn man lernt im Laufe der Tee-Lehrjahre nicht nur die Auseinandersetzung mit seinen eigenen körperlichen Beschränkungen, sondern auch den Umgang mit anderen Personen.“ Dass eine Kalligraphie oder ein Blumenbukett den Teeraum schmückt, hat nicht nur dekorativen Zweck. Mit dem Erlernen der Teekunst wird auch ein besonderes ästhetisches Gefühl entwickelt, auch der Natur gegenüber. Wichtig sei, so Gerhardt Staufenbiel, mit einem offenen Herzen und einem offenen Geist zu kommen und – falls vorhanden – den Übermut abzulegen. Dann kann man Schritt für Schritt und in Demut den Teeweg zu gehen.

Und das kann ein Leben lang dauern, weiß Frau Shiroya, die den chado in Bad Soden lehrt: „Der Teeweg ist keine Show, sondern eine innere Kunst.“ Neugier treibe die Menschen zwar in ihre Schule, auch der Wunsch nach Stille und Einkehr – dennoch erlerne man bei ihr keine Vorführeffekte für das nächste Kaffe-, Entschuldigung, Teekränzchen. Vielmehr lerne man die Kunst der rationellen Bewegung, wo jeder Handgriff genau das ausführt, wofür er gedacht sei: die Zubereitung eines Tees. „Das fasziniert die eher vernunftgesteuerten Deutschen, bemerkt die Japanerin Shiroya lächelnd.

Der Weg der Vollendung

Vierspurig ist der ideale Teeweg: Wer den chado erlernen will, muss Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille verinnerlichen. Harmonie entsteht aus dem Gefühl der Reziprozität zwischen Gastgeber und Gästen. Der Japaner kennt dafür den Begriff muhinshu: „Kein Gast, kein Gastgeber“, lautet die Formel, die den einen wechselseitig zur Bedingung des anderen macht. Harmonie entsteht mit Hilfe einer ausgewogenen, aufrichtigen und sparsamen Kommunikation. Harmonisch sollen aber auch die Tee-Utensilien sein; das Einbeziehen der Jahreszeit; die Umgebung des Teehauses, der Garten.

Die Harmonie bedarf des gegenseitigen Respekts. Ohne ihn üben Gast und Gastgeber lediglich Funktionen aus. Die Hochachtung für die anderen Teilnehmer der Chanoyu wird begleitet von Wertschätzung und Dankbarkeit dem Leben gegenüber und gewinnt so einen existenziellen Aspekt.

Die Besonderheit der Teezeremonie wird durch das Ideal der Reinheit hervorgehoben, durch rituelles Waschen von Mund und Händen und der absoluten Sauberkeit der Teegeräte. Zugleich kommt in der Reinheit der zen-buddhistische Aspekt der Loslösung von Täuschung und weltlicher Verhaftung zum Ausdruck. Hingabe und Aufrichtigkeit des Gastgebers entstammen letztlich der Reinheit des Herzens.

Schließlich kehrt Stille ein. Eine natürliche Folge von Harmonie, Respekt und Reinheit. Wir erinnern uns der Worte des Urgroßmeisters, denen zufolge die Praxis des chado Erleuchtung zum Ziel hat. Die Japaner nennen es satori, ein spiritueller Zustand. Das ist die hohe Kunst des Teewegs. Und der Teemensch Rikyu meint genau das, wenn er formuliert: „Der Weg des Tees ist nichts als dies: Zuerst kochst du Wasser, dann machst du den Tee und trinkst ihn.“

NIMM EINE SCHALE TEE

Ein Mönch kam zu Meister Zhaozhous Tempel.

Der Meister fragte ihn: „Bist du schon einmal hier gewesen?“

Der Mönch antwortete: „Ja, das bin ich.“

Der Meister sagte: „Bitte, nimm eine Schale Tee.“

Bei einer späteren Gelegenheit fragte Meister Zhaozhou einen anderen Mönch: „Bist du schon jemals hier gewesen?“

Der Mönch antwortete: Nein, ich war noch nicht hier.“

Der Meister sagte: „Bitte, nimm eine Schale Tee.“

Der Hauptmönch fragte: „Lassen wir den Fall des Mönchs, der schon einmal hier war, beiseite, aber warum sagtest du zu dem Mönch, der noch nicht hier gewesen ist: „Bitte, nimm eine Schale Tee?“

Der Meister rief den Hauptmönch bei seinem Namen, und dieser antwortete.

Der Meister sagte: „Bitte, nimm eine Schale Tee.“

Aus: Eihei Dogen, Sammlung von 301 Koan-Geschichten, Fall 233

Buch-Tipp

Der Teeweg kann nur erlernt werden, indem man ihn selbst geht. Teegroßmeister Sen Soshitsu lässt dennoch den Lesern tief in die Kunst der Teezeremonie blicken (Sen Soshitsu: „Der Geist des Tees“, Theseus Verlag, 136 S., € 26,90).

Den Teeweg gehen

Iori-Kulturhaus

Zum Quellenpark 34, 65812 Bad Soden

Tel. 06196-655591, Iori-Teeweg@t-online.de

www.iori-teeweg.de

Chado – Der Teeweg

Am Rosenberg 5, 91338 Igensdorf/Oberrüsselbach

Tel. 09192-93805, staufenbiel@teeweg.de

www.teeweg.de

Urasenke-Stiftung

Am Mühlebuck 6, 79249 Merzhausen

Tel. 0761-5853636, post@teeseminar.de

www.teeseminar.de

Urasenke Düsseldorf Branch

Niederkasseler Kirchweg 150

40547 Düsseldorf

Tel. 0211-553085

www.urasenke.de

Urasenke Tankokai Association Hamburg

Lengerckestr. 30

22041 Hamburg

Tel. 040-6523270

Urasenke Tankokai Association Zürich

Langmauerstr. 74

8006 Zürich

Tel. +41 (0)1-3624772

mukai.y@bluewin.ch

Aus: natürlich Gesund, Ausgabe 7/2009
Autor: Dierk Szekielda
Bild: Shutterstock

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