natürlich GESUND
Donnerstag, 11.03.2010      





Geheimnisse der Hexenmedizin

Von heilenden Kräutern und wirkungsvollem Räucherwerk

Um Hexenmedizin ihrem Wesen nach zu verstehen, müssten wir ganz tief in den Brunnen der Erinnerung schauen – bis zu den Wurzeln der Naturerfahrung unser Vorfahren. Doch so weit hinunter müssen wir uns gar nicht wagen. Viele der vermeintlich geheimnisvollen Kräuter sind uns viel bekannter als wir vermuten. Und sie wirken nicht nur beim Aussprechen von Zauberformeln...

Laut Befragung des renommierten Allensbacher Instituts für Demoskopie im Jahr 1989 glauben mindestens drei Prozent der Bundesbürger fest an Hexen. Der Gedanke an bucklige, Besen reitende Wesen bringt unsere Phantasie also immer noch in Wallung. Der Unterschied zu früheren Zeiten? Der mittelalterliche Mensch war erdverbundener als wir und Unerklärliches war ihm allgegenwärtig. Denn zufrieden stellende Erklärungen gab es weder für Ungewöhnliches noch für Naturphänomene. Alles Gute, was Mensch und Tier widerfuhr, war demnach gottgewollt. Hinter Schädlichem vermutete unser mittelalterliche Vorfahr hingegen sofort den Satan. Wie ein roter Faden zog sich diese Einteilung in Gut und Böse durch sämtliche Lebenssituationen, ob Krankheit, Unglück, Gier, Viehseuchen, Neid, Dürre oder sexuelle (Un-)Lust.

Heute haben wir die Möglichkeit, „Hexenmedizin“ aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Sie transzendiert buchstäblich die Schulmedizin, die sich in ihrem naturwissenschaftlichem Korsett auf die Erfassung von physischen Vorgehensweisen beschränken muss. Die vermeintliche Hexenmedizin will jedoch das „innere Wesen“ von Krankheiten und Beschwerden erfassen. Ihre Verbündeten dabei sind Pflanzen, Steine, Tiere, Wasser; Feuer und Erde. Zapfen Sie mit uns auf einem kleinen Streifzug durch „hexische“ Gründe heilendes Urwissen an.

Die zwei Gesichter der Magie

Der Theologe Johann Geiler von Kayersberg (1445-1510), predigte von der Kanzel herunter: „Du sollst lieber siech und krank sein, als durch Zauber gesund werden. Wenn du zu den Hexen laufest, so wirst du brüchig an Gott dem Herrn“. Und so entwickelte sich dieses Denken von Kirche und Adel zur Ursache von Einkerkerung und willkürlicher Todesurteile. Nicht verwunderlich, dass der letzt bekannte Hexenprozess 1782 stattfand. Man bezichtigte die Schweizer Dienstmagd Anna Göldlin, bereits des Kindsmords angeklagt, die Tochter ihres Dienstherrn mit einem Fluch belegt zu haben. Zeitzeugen zufolge litt das Opfer unter Zuckungen und habe Nadeln gespuckt. Insgesamt geschätzte neun Millionen Unschuldige wurden im Laufe der Hexenerverfolgungen gefoltert und verbrannt.

Nach Volksglauben war nicht jeder befähigt, mit Geistern, Teufeln und dunklen Mächten in Kontakt zu treten. Mit Dämonen gleichgesetzt, konnten Hexen demnach kein Mensch sein. Sie wurden als todbringende Wesen in weiblicher Gestalt angesehen. Vor allem niederes Volk, wie Kräuterfrauen, Geburtshelferinnen, Seherinnen und Heilerinnen, die zwangsläufig einen engen Draht zur Natur hatten, wurde verdächtigt, eine „Zaunreiterin“, eine sogenannte Hagazussa, zu sein. Allein ihre Berührung, ein böser Blick oder das Anblasen von Mensch und Tier sollte großes Unheil beschwören, ja sogar zum Tode führen. Ihre Kräfte richteten sich dabei nicht auf das Jenseits, sondern auf sehr Irdisches wie Wohlstand, Macht, Einfluss, (Un-)Glück sowie körperliches befinden.

Bevor Sie jetzt mutig all Ihre Bedenken über Bord werfen, um Harry-Potter ähnliche Zaubersprüche zu murmeln, sollten Sie sich Folgendes klarmachen: Schwarze Magie ist die Nutzung okkulter, übernatürlicher Mächte, die Übel und Schaden zufügen sollen. Weiße Magie, auch natürliche Magie genannt, hat hingegen das Ziel, Schaden in jeder Form zu verhindern, also ausschließlich Gutes zu bewirken. Früher wie heute genügt für diese Form der „Hexenkunst“ gesunder Menschenverstand. Und dieser Magie wollen wir uns in einem kleinen Ausschnitt ihrer schier unendlich vielen Anwendungen widmen.

Kräuterwissen: Himmel und Erde verbinden

Dass Kräuter in der Lage sind, Unwohlsein, Gebrechen oder Krankheit zu heilen, war Magiern, Druiden und Hexen, aber auch kräuterkundigen Frauen zu allen Zeiten bewusst. Im Zuge der Hexenhysterie fielen jedoch nicht nur Millionen unschuldige Frauen und Männer, sondern auch wertvolle Aufzeichnungen den Flammen zum Opfer. Aufschlussreiche Informationen über Ernte, Dosierung und den vielfältigen Gebrauch von Zauberpflanzen gingen damit in Rauch auf. Stellvertretend für alle „Zauberpflanzen“ haben wir einige Anwendungen in Gedenken an ihre Urheberinnen ausgewählt, deren Wirkung Sie im Falle eines Zipperleins unbedingt ausprobieren sollten. Sie funktionieren definitiv auch ohne Zauberspruch.

Die „Nadel des Satans“

Wir verbinden zwar immer noch Stechendes mit ihr, nennen Sie heute aber Brennnessel (lat. Urtica dioica). Ihre brennenden Blätter waren im Mittelalter ein Testbarometer dafür, wie es um den Kranken bestellt war. Blieb der in dessen Harn gelegte Zweig grün, war baldige Genesung nicht weit. Schrumpfte er aber, war alle Hoffnung verloren.

Die „brennende Pflanze“ gehört zu den sogenannten Neunkräutern: Kochte man sie mit acht anderen Pflanzen und vergrub die Essenz im Schein des abnehmenden Mondes, war man von allen angehexten Leiden befreit – vorausgesetzt, man sprach dabei nicht und wurde auch nicht von jemandem beobachtet. Sicherlich effektiver ist ihre heutige Einsatzweise bei Rheumatismus. Die schmerzenden Stellen mit Brennnesseln zu peitschen ist zwar nicht die angenehmste Taktik, erweitert jedoch die Gefäße und regt damit die Durchblutung an.

Mit Harn hat auch die Goldrute (lat. Solidago viraurea) etwas zu tun, allerdings in einer angenehmeren Anwendungsform. Der erste Kräuterbuchautor Matthiolus (1501-1577) beschrieb ihren diuretischen Nutzen folgendermaßen: „sie treibe gewaltig den Harn und breche den Stein“. Diese Fähigkeit hat sie bis heute unter Beweis gestellt. Die Pharmakologie setzt sie zur vorbeugenden Behandlung von Nierengriess oder Harnstein, sowie als Naturheilmittel bei rheumatischen Beschwerden, Prostataleiden und Gicht ein. Der heidnische Begriff „Unsegenkraut“ lässt übrigens vermuten, dass die Goldrute ehemals den bösen Blick abwehren sollte.

Viele der wichtigen Kräutlein wuchsen, der Überlieferung nach, nur an bestimmten okkultischen Orten. Christophskraut (lat. Actaea spicata L.) etwa es einzig auf dem Blocksberg im Harz gegeben haben. Aber unter uns: Das Kraut wächst vornehmlich auf Kalkböden in schattigen Bergwäldern und ist auch in der Apotheke zu erwerben. Dafür dankbar ist vor allem die Homöopathie. Sie setzt Christophskraut in kleineren Dosen als Schmerzstill- und Schlafmittel, sowie bei Nervosität ein. Dass es sich um ein ganz bestimmtes Kraut zum Aussprechen von Zauberformeln gehandelt haben muss, das deutet allein schon sein zweiter Name „Beschreikraut“ an.

Seit Jahrhunderten bereits im Apothekenangebot waren auch die Sporen des Keulenbärlapp (lat. Lycopodium clavatum), der an sich viel phantasievollere Namen trägt wie Teufelsblume, Hexentanz, Wolfs- oder Drudenfuß. Im Mittelalter entdeckten Kräuterfrauen den gynäkologischen Nutzen des „Hexenmehls”. Und noch heute wird Keulenbärlapp homöopathisch vor allem bei Erkranken der Harn- und Geschlechtsorgane verwendet.

Ja, die Liebe...

Kommen wir zu der Liebe, einem besonders wichtigen Betätigungsfeld der Weisen Frau. Wollte der Kinderwunsch einfach nicht wahr werden, führte der Weg vieler Frauen zu ihr. Sie wusste von Kräutern zur Steigerung der Fruchtbarkeit, beispielsweise Fußbäder mit einem Aufguss von Beifuß oder Mugwurz zur Wärmung und Energetisierung des Unterleibs. Auch die Mistel sollte als Tee zusammen mit Scharfgarbentee den Schoß der Frau für die Leibesfrucht empfänglich machen. Durchaus symbolisch zu verstehen: Die schleimige Mistelbeere war für die Kelten der Spermatropfen des kosmischen Stiers.

Und wenn alles nicht half, so kannte die „Weise Frau“ Rat: An stillen Orten wie Felsspalten, Teichen oder Höhlen soll es nur so von Kinderseelen gewimmelt haben, die auf eine Mutter warteten. Diese Orte gibt es noch immer und sie werden – ja, Sie staunen – häufig besucht. Im Schweizer Jura ist beispielsweise das „Vrenelis Loch“ bekannt. Dort baden Frauen in einem Bach, der durch eine Waldschlucht plätschert. Sie zünden Kerzen und Räucherwerk an und opfern Blumen, ehe sie die Hand in das besagte Loch in einen Kalkfelsen stecken.

Um auch zur Erfüllung des Kinderwunschs den Richtigen an der Hand zu haben, dafür sorgte eine Orchideenart, das Knabenkraut (lat. Dactylorhiza majalis). Schon in der Antike Symbol für Fruchtbarkeit und Liebeskraft, benutzte man vor allem das Mehl der hodenförmigen Wurzelknollen zur Herstellung von Liebestränken. Heute ist das Mehl übrigens noch im arabischen Raum erhältlich. Eine Tradition in Böhmen: Die „Liebeswurzel“ selbst nähten heiratswillige Mädchen zum Orakeln in ihr Kopfkissen ein. Man erhoffte sich dann in der Johannisnacht einen Blick in die Zukunft, auf den Mann, der einen zum Eheweib auserwählen würde. Leider ist uns heute verwehrt zu erfahren, ob es auch funktioniert hat.

Berauschendes zum Schluss – und zwar in Form einer der wichtigsten „Hexenpflanzen“ Europas überhaupt, dem Schwarzen Bilsenkraut (lat. Hyoscyamus niger). Allein der Besitz des Mordsgewächs reichte im Mittelalter aus, um als Hexe gebrandmarkt zu werden. Das Kraut wurde auch in den Operationssälen der damaligen Zeit als Narkosemittel eingesetzt. Wahrsager versetzten sich damit in Trance und Frauen bezichtigte man, sie würden das Kraut mit Tollkirsche und Stechapfel zur berüchtigten Hexensalbe mischen, um damit in luftige Höhen zu entschwinden. Später „erdete“ man das Nachtschattengewächs wieder und es diente der Schmerzbekämpfung bei Entzündungen und Unterleibsgeschwüren. Aber Vorsicht: Das giftige Pflänzchen findet heute nur noch als homöopathische Verdünnung Verwendung. Interessant zu wissen: Vor Einführung des Bayerischen Reinheitsgebots verstärkte man mit Schwarzem Bilsenkraut auch die Wirkung von Bier.

Ausstellung

Im Historischen Museum der Pfalz in Speyer tummeln sich Hexen derzeit zuhauf. Allerdings nicht in Fleisch und Blut, sondern in Bildern. Exemplarisch sind Bilder von David Teniers aus dem 17. Jahrhundert, auf denen junge nackte Hexen auf phallischen Besen vor dem Abflug durch den Kamin mit Flugsalbe eingerieben werden. Eine Ausstellung, die in die Welt zwischen Mythos und Wirklichkeit eintauchen lässt.

Ausstellung „Hexen – Mythos und Wirklichkeit, Historisches Museum der Pfalz (Speyer), bis zum 2. Mai 2010

Unser Buchtipp:

Die Erkundungsreise zum Ursprung der Heilkunst führt zu einem faszinierenden Bereich unserer Kultur- und Medizingeschichte: zur Heilkunst der Hexen, der geächteten und unterdrückten „alternativen“ Medizin. Dabei eröffnen die Autoren, wie die heilige Pflanzen unserer Ahnen wieder genutzt werden können. Ein sehr spannendes und aufschlussreiches Buch!

Claudia Müller-Ebeling, Christian Rätsch, Wolf-Dieter Storl: „Hexenmedizin“, 274 S., AT Verlag, € 29,90 / sFr 49.90


Autor: Gerhard J. Ernest
Bild: Shutterstock
Aus: natürlich Gesund, Ausgabe 1/2010

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