natürlich GESUND
Donnerstag, 11.03.2010      





Ungesehene Kraft aus dem Wasser

Plitsch, platsch! Kaum dem Blickfeld der Eltern entschwunden, stand man schon mitten in der Pfütze. Auch auf Wissenschaftler übt die Wasserlache Faszination aus. Sie beheimatet nämlich die ältesten Organismen unseres Planeten: Mikroalgen

Ob im Salz- oder Süßwasser, im Eis oder in heißen Quellen, überall sind sie zu finden. Manche davon als Einzeller in besagter Pfütze, andere als komplexe Vielzeller. Erstaunliche 2,5 Milliarden Jahre lassen sich ihre fossilen Spuren zurückverfolgen. Mit ihrer Photosynthese trugen sie im Laufe der Evolution wesentlich dazu bei, den CO²-Gehalt der Uratmosphäre zu verringern und schufen damit die Voraussetzungen für das Leben auf der Erde. Heute sind rund 80.000 Algenarten bekannt, Wissenschaftler gehen jedoch von mehr als 400.000 aus.

Zwischenzeitlich hat auch die Industrie die Alge für sich entdeckt. Sie nutzt das ökonomische Potential von etwa 160 Arten zur Herstellung von Biodiesel, Algenkraftstoff oder Wasserstoff. Organische Abfallstoffe wie Gülle wird in Biomasse umgewandelt und dient der Befeuerung von Industrieanlagen. Und auch Luft und Wasser reinigen sie wirkungsvoll von Schwermetallen und Kohlendioxid. An weiteren Möglichkeiten der wirtschaftlichen Nutzung von Algen wird geforscht. Heute steht jedoch schon fest, dass Algen eine der nachhaltigsten Biomassequellen der Erde sind. Ihr Vorteil: Die Miniaturpflanze reproduziert sich ständig selbst.

Algen auf dem Tisch

Lange bevor sich die Wissenschaft für die Pflanze interessierte, waren Mikroalgen ein wichtiger Nahrungsbestandteil bei den Naturvölkern Südamerikas, Afrikas und Ostasiens. In China und Japan kommt eine Vielzahl von Algen noch heute täglich auf den Tisch oder wird als gesundheitsfördernde Nahrungsergänzung eingenommen. Der Bedarf wird durch Zucht in offenen Teichanlagen gedeckt.

Seit rund zehn Jahren ist die industrielle Aufzucht von Süßwasseralgen auch in den Klimazonen Europas möglich – allerdings in geschlossenen Anlagen. Zwischen Hamburg und Berlin, im sachsen-anhaltinischen Klötze, steht Europas größte Produktionsanlage für Mikroalgen. Das macht den europäischen Markt unabhängig von asiatischen Importen. Zertifizierte Verfahren und strenge Qualitätskontrollen sichern die Qualität der Biomasse, die nach Ernte und Trocknungsprozess zur Weiterverarbeitung bereitsteht.

Ein Trend mit Gehalt

Derzeitiger Trend für ihren Einsatz ist die sogenannte Molekularküche: Mit Hilfe von Temperaturschwankungen und der Verwendung von Zusatzstoffen, etwa den Alginaten, untersuchen Starköche die Veränderung von Eiweißstrukturen. Die Grenzen sind dabei im wahrsten Sinne des Wortes fließend. Der spanische Starkoch Ferran Adrià etwa nahm mit seinen Experimentierkünsten im Jahr 2007 an der internationalen Ausstellung für Zeitgenössische Kunst in Kassel, der „documenta 12“, teil.

Die wahre Stärke von Süßwasseralgen liegt jedoch nicht in der Hand von Kochkünstlern, sie entfaltet sich vielmehr im Verborgenen. Vor allem auf die Gruppe der Süßwasseralgen ist das wissenschaftliche Interesse der letzten Jahre gefallen. Mikroskopisch klein und mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar, weisen sie einen hohen Gehalt an Eiweißen, Mineralstoffen, Spurenelementen, ungesättigten Fettsäuren und Beta-Carotinen auf.

Ein wahrer „Tausendsassa“ ist etwa die Chlorella-Alge. Ihren Namen verdankt sie dem außergewöhnlich hohen Gehalt an Chlorophyll. Zu 60 Prozent aus hochwertigem Protein bestehend, enthält sie allein 19 Aminosäuren. Bekannt ist die Grünalge für ihre Fähigkeit, Schadstoffe und Schwermetalle im Darm zu binden und bei ihrer Ausleitung entgiftend zu unterstützen. Dadurch können sich zum Beispiel die Leberwerte verbessern.

Dass die regelmäßige Einnahme von Chlorella zudem den Blutzuckerspiegel senkt, konnte der Wissenschaftler Cherng im Jahr 2006 im Rahmen einer Untersuchung nachweisen (Life Sciences 2006, Band 78). Der von ihm beobachtete Mechanismus: Die Aufnahme von Zucker in Leber und Muskel wird erhöht, die Verwertung der Zuckermoleküle also verbessert. Das kann beispielsweise die Spätfolgen von Diabetes verringern und die Gewichtszunahme bei Frauen in der Menopause bremsen.

Chlorellas größter Trumpf ist jedoch ihr Einfluss auf die körpereigene Immunabwehr. Das zeigte sich in einer anderen Untersuchung: 18 von 35 schwangeren Frauen nahmen während der letzten sechs Schwangerschaftsmonate täglich Chlorella zu sich. Kurz nach der Geburt wurde die Muttermilch aller 35 Probandinnen analysiert mit dem Ergebnis, dass Chlorella direkt das Immunsystem das Immunsystem gestärkt hatte. Die Chlorella-Gruppe besaß fast 60 Prozent mehr Immunglobulin A-Antikörper als die Vergleichsgruppe.

Über viele andere, der Süßwasseralge zugeschriebenen Eigenschaften wird eifrig weitergeforscht. Die ältesten Mikroorganismen unseres Planeten lüften ihre Geheimnisse eben nicht auf die Schnelle.

Bild: Shutterstock
Aus: Natürlich gesund, Ausgabe 1/2010

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