natürlich GESUND
Donnerstag, 11.03.2010      





Grünes Licht für weißen Sport

100 Prozent Schneegarantie trotz Erderwärmung, riesige Pisten inmitten dichter Wälder, Pisten so platt und perfekt wie Autobahnen. Das kann doch nicht gut für unsere Umwelt sein! Umweltschützer vermuten: Sport im Schnee ist Mord an der Natur. Was ist an dieser Aussage wirklich dran? Wir haben uns dazu für Sie auf die Piste begeben

Ob Alpin- oder Langlaufski mag unter Wintersportler zwar eine Glaubensfrage sein, in einem Punkt sind sich jedoch alle Pistenathleten einig: Beim Gleiten durch den frischen Schnee geht es Ihnen nicht – oder nicht ausschließlich – um sportliche Gipfelerlebnisse, sondern um etwas ganz anderes: Es geht um Ruhe, Weite und Erholung vom Alltag. Der Weg ist dabei das Ziel. Denn dieser führt auf unvergessliche Art durch glitzernde Naturgewalten, gigantische Schluchten und zipfelbemützte Bergkuppen und Herbergshäusern, die Alpenblick oder Arnika heißen. Im Hintergrund ruhen mächtige Berge, die über die stille Hüttenzauber-Romantik wachen. Sie schauen hinab und lauschen ihren staunenden Gästen, die auf Panoramapisten oder durch stille Wälder gleiten.

Für den stressgeplagten Großstadtmenschen hat das fast schon etwas Meditatives. Denn Fakt ist: Wer so sanft durch die frische Winterluft kommt, wird seinen Stress genauso schnell los wie Schadstoffe im Körper, steigert die Durchblutung und erlangt rasch rote Wangen und innere Balance. Kurz: Beim Wintersport geht es um mehr, als um körperliche Ertüchtigung. Es geht um seelische Erholung und einmalige Erlebnisse. Wie einmalig diese wundervollen Wintererlebnisse vielleicht wirklich sein könnten, ist dabei den wenigsten Wintersport-Touristen bewusst.

Erholung für den Menschen, Stress für die Natur?

Der friedliche Schein malerischer Panoramapisten droht nämlich trügerisch zu sein. Wer einmal unter den Kunstschnee schaut, trifft schnell auf alt bekannte Unruhestifter. „Klimaerwärmung, Schneeschmelze, Waldrodung und Vegetationsschäden sind auf den Pisten längst keine Fremdwörter mehr“, warnt Tobias Lienemann, Referent für Umwelt und nachhaltige Skisportentwicklung vom Deutschen Ski-Verband. Bleibt also fraglich, wie es wirklich um die weißen Winterlandschaften steht und wie man sie unterstützen kann. Wir wagen einen Blick.

Es liegt was in der Luft: CO2

Die touristische Erholung beginnt auf der Piste; der Stress für die Umwelt startet dagegen viel früher. Die Belastung mit CO2 in unserer Atmosphäre ist ein Hauptfaktor für die globale Erwärmung und erster Grund für die Schneearmut in nahgelegenen Skigebieten. Im Zusammenhang mit Wintersport sind dabei die schwersten CO2-Sünder schnell ausgemacht: Die Abgas-Emissionen von Auto und Flugzeug, der enorme Energieverbrauch durch Hotels und das gesteigerte Energie- und Abgasaufkommen, das für den Betrieb der Skipisten nötig ist. Diese Faktoren stellen eine echte Bedrohung für naturbelassene Winterwelten dar. Zwar handelt es sich bei CO2-Sünden um ein globales Problem; in Skigebieten spürt man die Konsequenzen aber bereits jetzt – und zwar deutlich.

Dabei ist eine globale Erwärmung das Letzte, was schneeabhängige Gastwirte und andere Ski-Wirtschaftszweige brauchen können. „Zum Glück wird die Schädlichkeit von CO2 immer prominenter, so dass sich bereits einige Initiativen gegründet haben, um Schutzprogramme zu organisieren. Im Nobel-Skiort St. Moritz haben sich beispielsweise Hausbesitzer zusammengetan und sich verpflichtet nur noch mit erneuerbaren Energien und besseren Isolationen beim Bau und Erhalt ihrer Immobilien zu arbeiten“, so Lienemann. Anderorts werden Ermäßigungen oder etwa ein Fahrservice angeboten, wenn das Auto während des Urlaubs stehen gelassen wird.

Wer sein grünes Herz unter Beweis stellen will, kann auch selbst aktiv werden. Hierzu ein Tipp vom Umwelt-Experten Linemann: „Bereits bei Reiseantritt sollte man an die Umwelt denken. Nehmen Sie lieber die Bahn anstatt Flugzeug oder Auto. Das ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch wesentlich stressfreier, wenn man sich die Stausituation auf den Autobahnen ansieht.“ Erkundigen Sie sich auch nach dem Energieverhalten Ihres Hotels. Modern denkende Anlagen besitzen beispielsweise einen Energiepass.

Probleme auf den Pisten

Auf der Piste gehen die Probleme weiter: Aus umweltschützender Sicht sind vor allem Waldrodungen und Planiermaschinen stark in Verruf geraten. Der Experte gibt in dieser Hinsicht jedoch rasch Entwarnung: „Zwar bedeutet Waldrodung zugunsten neuer Skihänge massive Eingriffe in das Vegetations- und Ökosystem, jedoch gibt es vor allem in den Alpen nur wenige künstliche Pisten. Die meisten verlaufen auf natürlichem Grund; über Almen, naturgewaschene Wiesen und landwirtschaftliche Nutzflächen“, erklärt Lienemann.

Auch hinsichtlich der Bedenken gegen Planiermaschinen muss differenziert werden, denn planieren bedeutet soviel wie komprimieren – konkret gesprochen: Durch die Planiermaschine wird die Schneeschicht platt gedrückt, so dass die Schneekristalle sich verdichten. Das lässt die Luft entweichen und erhöht die Dichte der Schneedecke. Dieser Prozess hat Vor- und Nachteile. Eine verdichtete Schneedecke bietet etwa besseren Schutz für die Vegetation vor harten Skikanten. Ferner bewirkt die Verdichtung der Schneedecke, dass der Schnee stabiler und weniger anfällig auf Wärmeeinbrüche reagiert. Eine ebene und gleichmäßige Aufbereitung der Pisten sorgt außerdem für mehr Sicherheit für die Sportler. „Das Planieren ist insoweit nicht zu beanstanden“, so Lienemann.

Diese Schneesicherheit freut zwar Sportler und Gastwirte; eine Verzögerung des natürlichen Vegetationsprozesses ist jedoch die Kehrseite der Medaille. Manchen Pflanzenarten bleibt dadurch nicht genügend Zeit zur Reproduktion. „Möglicherweise wird es darauf hinauslaufen, dass einige Pflanzen vom Aussterben bedroht sein werden. Auf jeden Fall muss dennoch gesagt werden: Unterm Strich ist der Nutzen des Planierens von Pisten höher als der Schaden, der davon ausgeht“, so der Umweltreferent.

Schneekanonen: Natur unter Beschuss?

Schon der Begriff „Kunstschnee“ birgt Unnatürliches. Doch wie umweltschädlich sind Schneekanonen wirklich? Die Antwort darauf lautet zum Glück: Sie sind nicht so schlimm wie ihr Ruf. Das liegt sicherlich auch daran, dass in den meisten Ländern die Verwendung von umweltschädlichen Zusatzstoffen bei der Schneeerzeugung mittlerweile verboten ist. Um den Schnee haltbarer zu machen, wurden ehemals Eiweiße aus abgetöteten Bakterien beigesetzt . auf Kosten der Umwelt. Heute kommt bei der künstlichen Pistenbeschneiung nur reines Wasser zum Einsatz.

Auch der Vorwurf, die Herstellung von Kunstschnee sei eine immense Wasserverschwendung, kann glücklicherweise ebenfalls entkräftet werden. Zwar bedarf es für die Beschneiung einer Piste mit 30 Metern Breite und 400 Metern Länge etwa 1.000.000 Liter Wasser, dieses Wasser stammt jedoch aus dem vorhandenen Ökosystem, z.B. aus Seen und Bächen, und sickert nach der Schmelze auch dorthin wieder zurück. Zu einem Raubbau kommt es also nicht, im Gegenteil: „Schneekanonen können durchaus Vorteile bieten“, erklärt Lienemann. Bei hohen Skifahrerzahlen und wenig natürlichen Niederschlägen kann eine Schicht aus Kunstschnee die Vegetation vor einer Zerstörung durch scharfe Ski- und Snowboardkanten oder durch Ketten der Pistenraupen schützen. Angesichts der Auswirkungen durch den Klimawandel sind Schneekanonen zudem ein wichtiges Mittel geworden, um das Angebot von Skigebieten planbar und rentabel aufrecht erhalten zu können. Der Experte mahnt dennoch: „Beschneiung ist kein Allheilmittel um Klimaerwärmungen wett und lukrative Saisons länger zu machen. Der Grundsatz muss lauten: Saisonsicherung, nicht Saisonverlängerung“.

Sanfter Schneesport

Die grünsten Sportarten im weißen Pulver

Fakt ist also: Schneesport ist zwar ein Risikofaktor für die Umwelt; wer aber um die Gefahren weiß und sie richtig einschätzt, muss auf den fröhlichen Spaß im Schnee nicht verzichten. Als „sanften Schneesport“ bezeichnet man daher Winteraktivitäten, die der ganzen Familie Spaß machen, ohne aber Mutter Natur zu schaden. Unsere Autorin Linda Freutel hat sich auf der grünen Seite des weißen Sports einen Überblick verschafft

Langlauf: Im Schongang durch den Schnee

Das Gleiten durch die weiße Landschaft ist vor allem deshalb ein naturfreundlicher Sport, weil keine extra gerodeten Pisten benötigt werden. Präparierte Loipen lassen sich überall ohne Probleme in die Natur integrieren. Dabei werden sie bewusst so angelegt, dass die heimische Flora, Fauna und Tierwelt nicht gestört werden. Jetzt gilt es nur noch, dass auch Wintersportler auf vorgesehenen Pfaden wandeln und nicht abseits der Wege empfindliche Pflanzen und Tiere stören. Wer sich also auf das vorgesehene Streckennetz konzentriert, tut damit nicht nur etwas für Mutter Natur, sondern auch für sich. Das sanfte Gleiten durch verschneite Landschaften sieht vielleicht leichtgängig aus, durch die komplexen Bewegungsabläufe werden aber bereits bei moderatem Tempo bis zu 95 Prozent der gesamten Körpermuskulatur aktiviert!

Schneeschuhwandern: Natur pur für alle

Was die Norweger schon seit Jahrhunderten wissen, kommt auch in Deutschland langsam durch. Auf Schneeschuhen lässt sich die Schönheit der weiten, stillen und märchenhaften Winterwelt am besten erkunden. Alpines Wandern ist dabei gleichermaßen einfach und effektiv. Sogar Kinder und ältere Menschen stapfen auf Schneeschuhen ohne weiteres durch die Zuckerguss-überzogene Winterwelt. Vorteil für Mutter Natur: Für Schneeschuhwanderungen müssen weder Loipen noch Pisten angelegt werden. Gewandert wird auf verschneiten Wanderwegen, also nicht gekennzeichneten Strecken. Achten Sie also selbst darauf, dass Sie nicht in geschützten Gebieten, sondern möglichst nur über verschneite Wanderwege marschieren. Wanderkarten erleichtern die Orientierung und informieren über geeignete Strecken.

Nordic Skiing: Einfach zu erlernen

Die schneetaugliche Form von Nordic Walking ähnelt vom Bewegungsablauf her dem klassischen Langlauf. Die speziell entwickelten Skier sind wendiger und einfach zu beherrschen, Das ist ihrem speziellen Schnitt zu verdanken: sie sind kürzer, etwas breiter und durch die spezielle Taillierung stabiler und leichter. Auch die Stöcke sind etwas kürzer als ihr Langlaufpendant.

Nordic Skiing ist wegen seines runden Bewegungsablaufes ein ideales Training für jede Altersgruppe – unabhängig vom persönlichen Fitnessgrad. Die gleitenden Bewegungsformen schonen die Gelenke, fördern den gesamten Bewegungsapparat und schulen die Koordinationsfähigkeit. In Umweltfragen gilt hier das Gleiche wie beim Schneeschuhwandern: Wer sich nicht jenseits der Absperrungen bewegt, tut Mutter Natur einen großen Gefallen. Sie wird sich sicherlich revanchieren – und zwar mit atemberaubenden Einblicken in ihre wahre winterliche Schönheit.

Umweltfreundlich auf die Piste

So tragen Sie etwas dazu bei!

• Wählen Sie umweltfreundliche Verkehrsmittel (Bus oder Bahn) zur Anreise.

• Bilden Sie Fahrgemeinschaften bei Anreise mit dem privaten Auto. Das schont die Umwelt und den Geldbeutel, da Sie Benzinkosten teilen können.

• Lassen Sie Ihr Auto am Skiort stehen und nehmen Sie den Skibus oder den Pferdeschlitten – das ist ohnehin romantischer.

• Befahren Sie die Pisten nur bei ausreichender Schneedecke. Das schützt die darunter liegende Vegetation.

• Halten Sie sich an die markierten Pisten und Loipen. Abseits der Wege könnten Sie versehentlich Tiere stören und geschützte Pflanzenarten zertreten.

• Sammeln Sie liegen gelassenen Abfall – auch, wenn er nicht von Ihnen stammt.

Skiorte mit grünem Daumen

Immer mehr Winterskigebiete stellen sich auf nachhaltigen Wintersport um. Wir haben Ihnen eine kleine Auswahl für klimaneutrale Winterferien zusammengestellt.

• Deutschland: Der Skitourenpark Berchtesgaden ist einmalig in Europa. In vier Stunden vermitteln staatlich geprüfte Berg- und Skiführer das 1x1 des Skibergsteigens für Anfänger und Fortgeschrittene. An den Stationen des Rundparcours lernt man, wie man die Felle richtig aufzieht, was beim Aufstieg und beim Richtungswechsel in steilem Gelände zu beachten ist, und wie sie sicher wieder durch den Tiefschnee ins Tal abfahren. Wichtiger Kursbestandteil ist das Kapitel „umweltfreundliches Skibergsteigen“. Anschließend wird man automatisch einen Bogen um Junganpflanzungen und Wildeinstände machen (www.berchtesgaden.de).

• Österreich: Das Skigebiet Werfenweng verfügt über 20 alternative Fortbewegungsmöglichkeiten für „sanfte Mobilität“ (www.werfenweng-tourismus.at).

• Schweiz: das Skiegebiet Arosa bietet 100 Prozent klimaneutrale Ferienangebote und wasserstoffbetriebene Pistenfahrzeuge. 70 Prozent der Betten liegen in direkter Skipistennähe, Busverbindungen sind außerdem gratis (www.arosa.ch).

• Schweiz: Ein komplettes Umweltprogramm findet man vor allem in Davos: Co2-neutrale Ausrichtung der Gemeinde, klimafreundliche Gebäude, regionale Holzkreisläufe und Energie aus erneuerbaren Quellen hat man sich dort auf die Fahne geschrieben (www.davos.ch).

• Schweiz: Der Nobelort St. Moritz hat viel zu bieten, u.a. vor Ort generierte Energie aus Wasserkraft und eine Selbstverpflichtung der Betreiber zum Bezug von mindestens einem Drittel der benötigten Energie aus erneuerbaren Quellen (www.stmoritz.ch).

Autor: Linda Freutel
Bild: Shutterstock
Aus: natürlich Gesund, Ausgabe 1/2010

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