natürlich GESUND
Freitag, 10.09.2010


Heilsame Töne
Mit Singen beschwingt durchs Leben

Wahrscheinlich haben Sie selbst schon die Erfahrung gemacht, dass Singen und Summen beim Autofahren oder unter der Dusche wie von selbst in eine positive Stimmung versetzen kann. Doch die Wirkung des ein oder anderen Tönchen reicht noch viel tiefer. Singen verschafft nicht nur gute Laune, sondern kann auch dabei helfen, wieder emotional ins Gleichgewicht zu kommen

Ob zu rituellen Anlässen oder bei spirituellen Zeremonien, seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte wird in den verschiedenen Kulturkreisen gesungen. Der Gesang hatte vor allem den Zweck, die gegenseitige Verbundenheit der einzelnen Stammesmitglieder zu stärken und das Gleichgewicht mit Natur und Kosmos wiederherzustellen. Mehr und mehr hat in den letzten Jahren auch die wissenschaftliche Musiktherapie die heilsame und friedensstiftende Wirkung des Singens für sich entdeckt und messbar belegen können. Und das Wichtigste daran: Singen ist nicht nur etwas für Profis. Mit ein bisschen Mut kann jeder die eigene Stimme ertönen lassen und von der gesundheitsfördernden Wirkung des Singens profitieren. Aktuelle Forschungen zeigen nämlich, dass es nicht auf eine perfekte Singstimme ankommt, sondern nur darauf, innerlich voll dabei zu sein – also aus dem Herzen zu singen.

Schwingendes „A“

Den wohltuenden Effekt können Sie gleich mit der folgenden Übung ausprobieren: Setzen Sie sich dazu bequem hin, legen Sie eine Hand flach auf den Brustkorb und atmen Sie tief ein. Tönen Sie dann ausatmend den Vokal „A“ so lange, wie es sich gut anfühlt. Atmen Sie dann wieder gemütlich ein und tönen Sie erneut noch einige Male. Spüren Sie anschließend in Ihren Körper hinein. Sie werden merken, dass der Körper, besonders im Brustbereich, durch das Tönen in Schwingung versetzt wird. Auch Ihre Ausatmung wird sich wahrscheinlich verlängern und die Zahl ihrer Atemzüge verlangsamen. Schon diese kleine Übung macht deutlich, dass Summen, Tönen oder Singen direkt auf den Körper einwirken.

Das Tönen wirkt beispielsweise wie eine feine Form der inneren Klangmassage. Der Schall des Tönens wird über Knochen, Gewebe, Organe und Muskeln weitergeleitet und versetzt den ganzen Körper in Schwingung. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn die Atmung in Stresssituationen flach und schnell geht und es zu einer typischen „Kampf-Flucht-Reaktion“ kommt. Es kommt zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Kortisol und der Körper wird maximal mobilisiert. Hält dieser Zustand zu lange an, kann das negative Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden haben. Hier setzt das Tönen an: Durch das einfache Tönen des Vokals A verlangsamt sich wieder ganz natürlich die Atmung, der zentrale Körperrhythmus beruhigt sich und ein Gefühl der Entspannung macht sich breit.

Dieser Effekt scheint so bedeutend zu sein, dass sich ein eigenständiger Forschungsbereich, die sogenannte Chronomedizin, mit dieser Thematik beschäftigt. Sie verbindet verschiedene Körperrhythmen wie Schlafrhythmus, Herzschlag, Atmung und hormonelle Zyklen mit Gesundheit und Krankheit. Gemeinsam mit dem Chronomediziner Professor Dr. Max Moser von der Universität Graz konnten wir herausfinden, dass einfaches Summen und Singen von Mantras, eine kurze, formelhafte Wortfolge, die Körperrhythmen tiefgreifend harmonisieren und ähnliche Erholungszustände anregen können wie Tiefschlaf.

Glückscocktail fürs Gehirn

Singen kann jedoch nicht nur beruhigen, sondern auch einen regelrechten Glückscocktail im Gehirn produzieren. Viele Zutaten für diesen Cocktail konnten bereits belegt werden. Dazu gehört zum Beispiel der Botenstoff Serotonin. Er stimmt glücklich, wirkt motivierend und bringt das Gehirn auf Trab. Noradrenalin und Endorphine, vom Körper selbst produzierte Opioide, welche euphorisch stimmen und schmerzlindernd wirken, werden vom Singen ebenfalls angeregt und im menschlichen Organismus ausgeschüttet. Auch das Kuschelhormon Oxytocin ist beim Singen mit von der Partie. Es schafft eine Atmosphäre liebevoller Verbundenheit, baut Stress ab und fördert gleichzeitig die Wundheilung. Verstärkt ausgeschüttet wird er normalerweise während der Geburt und der Stillzeit, aber auch beim Sex. Man kann also mutmaßen, dass regelmäßiges Singen medizinisch gesehen die Wirkung eines Antidepressivums hat: Es stimmt glücklich, motiviert und öffnet das Herz. Kein Wunder also, dass regelmäßig stattfindende Singkreise in psychiatrischen Anstalten immer mehr begeisterte Anhänger finden.

Stark mit Singen

Auch das Immunsystem profitiert nachweislich von den unterschiedlichen Tönen des Lebens – und das in zweifacher Hinsicht: Ist die körpereigene Abwehr durch Stress geschwächt, sind Erholung und Entspannung wichtig. Und genau das geschieht beim Singen. Die Atmung vertieft und verlangsamt sich, Stresshormone werden abgebaut und Abwehrkräfte mobilisiert. Darüber hinaus steigert Singen aber auch die Produktion des Antikörpers Immunglobulin A. In den menschlichen Schleimhäuten sitzend, bekämpft es Krankheitserreger und Allergene bereits beim Eindringen in den Körper. Singen bietet also einen erhöhten Schutz vor viralen und bakteriellen Infektionen. Vor allem die Singform Chanten scheinen eine besonders starke gesundheitsfördernde Wirkungen zu haben, die nach und nach erforscht wird.

Entspannt mit Chanten

Ursprünglich, einfach und häufig wiederholt, sind sie der perfekte Einstieg für ungeübte Stimmen, Amateursänger und all diejenigen, die Entspannung dringend benötigen – Chanten. Der eingedeutschte Begriff des englischen Wortes chant (singen) bezeichnet eine bestimmte Singform und wird bereits seit Jahrtausenden für Mantras und andere rituellen und religiösen Gesängen benutzt. Buddhistische Mönche chanten ihre uralten Mantren wie Om, christliche Mönche singen regelmäßig ihre gregorianischen Gesänge, Sufis und Moslems rezitieren La ilaha il Allah (es gibt nichts außer dem Einen), und die Indianer Nordamerikas preisen in ihren Gesängen den Großen Geist und die Elementarkräfte. Dabei geht es allen Völkern nicht um Perfektion, sondern um die gemeinsame Hingabe und Meditation.

Schon in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte der amerikanische Stressforscher Dr. Herb Benson nachweisen, dass Chanten bereits nach kurzer Zeit der Anwendung den Strom der Alltagsgedanken unterbricht. Die Gehirnwellen schalten dabei in den langsamen Alpha-Rhythmus um und es kommt zu einer tiefgreifenden Entspannungsreaktion. Besonders stark ist dieser Effekt beim gemeinsamen Singen in der Gruppe. Das gemeinsame Atmen und die dabei entstehende Verbundenheit stimmt alle Beteiligten in ein großes Resonanzfeld ein. „Es singt aus mir heraus“, oder „ich vergaß Zeit und Raum und war einfach nur noch da“, schildern Teilnehmer diese Erfahrung. In der Psychologie werden solche Erfahrungen als sogenannte „Flow-Zustände“ bezeichnet, also Momente des Dahinfließens und völligen Aufgehens in einer Sache.

Der große Vorteil des Chantens gegenüber dem üblichen Singen besteht darin, dass jeder gleich mitsingen kann. Die einfachen Texte bestehen meist nur aus ein bis zwei Sätzen. Ohne Noten und Textbücher kann man unmittelbar in die Singerfahrung eintauchen, innerlich loslassen und die gemeinsame Verbundenheit und Freude teilen. Die Reaktionen scheinen das zu bestätigen: Chanten wird mittlerweile in vielen Städten des deutschsprachigen Raums angeboten. Parallel dazu entstehen immer mehr Lieder in deutscher Sprache, die wichtige Lebensthemen zum Inhalt haben und daher direkter ansprechen als Mantras fremder Kulturen.

Stimme, ertöne!

Einige Redewendungen zeugen von dem engen Zusammenhang der eigenen Stimme mit der Persönlichkeit. Jemand, der den „Ton angibt“ oder für eine Sache „die Stimme erhebt“ ist meist selbstbewusster als jemand der sich „kleinlaut“ verhält. Auch die Wörter „Stimmung“ und „stimmig“ weisen darauf hin, dass Seele und Stimme eng verwoben sind. Selbst das Wort „Person“ kommt vom lateinischen personare und bedeutet „hindurchtönen“ – ein Hinweis, dass der Klang der Stimme das Spiegelbild der eigenen Persönlichkeit ist.

Grund genug also, sich Zeit zum Singen zu nehmen. Regelmäßiges Singen fördert nicht nur Glücksgefühle, sondern unterstützt auch dabei, eine kräftige und schwingungsfähige Stimme zu entwickeln. Man verschafft sich auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit beziehungsweise „Gehör“, was das Erreichen persönlicher Zielsetzungen in größere Nähe bringen kann. Mit einigen Stunden Gesangsunterricht lassen sich auch die Resonanzräume gezielter einsetzen. Das hat wiederum positive Auswirkungen auf den Klang der Sprechstimme. Nicht selten nehmen auch Freunde und Bekannte die stimmlichen Veränderungen wahr. Die Entdeckung der eigenen Stimme ist eben ein echtes Abenteuer!

Praxistipps: Singen für die Gesundheit

  • Chanten: Suchen Sie sich einen Singkreis der Chanten praktiziert – also Singen einfacher Lieder ohne Noten und Leistungsdruck (unter www.healingsongs.de nach Orten gegliedert).

  • Gesangsunterricht: Entdecken Sie ihre Stimme im Gesangsunterricht. Achten Sie darauf, dass ihr Lehrer Sie mit Stimmübungen (z.B. Vokaltönen) bei der Entfaltung der eigenen Stimme unterstützt. Wechseln sie andernfalls den Lehrer.

  • Lieblingslieder: Singen Sie ihre Lieblingslieder häufig für sich, z.B. im Auto, unter der Dusche oder auch zusammen mit Freunden, Familie und besonders mit Kindern. Sie werden merken, dass Sie über einen längeren Zeitraum ausgeglichener und besser gelaunt sind.

Wertvolle Internetadressen:

  • www.il-canto-del-mondo.org Förder- und Aktionsgemeinschaft Il canto del mondo - Internationales Netzwerk zur Förderung der Alltagskultur des Singens e.V.

  • www.sing-again.de Informationen rund um die Stimme, Stimmbildung, Gesangsunterricht, Weiterbildungen

  • www.chanten.de Infos rund um Chanten, Chantengruppen und Seminare

Aus: natürlichGesund, Ausgabe 3/2009, Autor: Wolfgang Bossinger, Bilder: niderlander, Shutterstock / CREATISTA, Shutterstock



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