Die Kraft des Unbewussten: Positive Energie durch Hypnose
Hypnose ist beinahe so alt wie die Menschheitsgeschichte. Seit einigen Jahren versuchen Hirnforscher, dem Geheimnis der Trance auf die Spur zu kommen – mit erstaunlichen Ergebnissen. Ob Schlafstörungen, Rauchentwöhnung oder Migräne, heute gilt die Hypnotherapie als moderne Heilmethode für Körper und Seele.
Hypnotische Rituale haben etwas Faszinierendes. Wer saß nicht schon staunend vor dem Fernseher, wenn Menschen in Hypnose-Shows wie Hunde bellen oder furchtlos über Nagelbretter spazieren. Mit seriöser Hypnose hat das jedoch so viel zu tun wie Inspektor Columbo mit einem echten Kriminalbeamten. „Solche Shows schüren uralte Vorurteile“, sagt Dr. Wolfgang Blohm, Leiter einer Fachklinik für Hypnose und Psychotherapie. „Dabei arbeitet moderne Hypnotherapie weder mit autoritärer Einflussnahme, noch will sie Menschen lächerlich machen“, so der Experte.
Gaukeln uns die Shows also nur etwas vor? Überwiegend wird wohl eher mit psychologischen Tricks gearbeitet. Fällt aber tatsächlich jemand in Trance, ist Vorsicht geboten: „Show-Hypnotiseure können Emotionen mobilisieren, wissen aber mit dem, was sie in ihren Opfern ausgelöst haben, nicht umzugehen. Die Folge können Traumata, Ängste und körperliche Symptome sein“, warnt die Deutsche Gesellschaft für Hypnose. In einigen Ländern wie Israel und Schweden ist Showhypnose sogar verboten.
Kein Wunder: Was bei einer Trance geschieht, ist alles andere als Einbildung. Forscher der Universität Freiburg stellten fest, dass sich bei hypnotisierten Menschen die Gehirnströme verändern. So gebe es auffällig viele Alphawellen, die eine tiefe Entspannung anzeigten und Thetawellen, die das Innere des Menschen offener für neue Gedanken und Einsichten machten. In einer Trance kann sich zudem die Muskulatur intensiv entspannen, die Atmung verlangsamen, ebenso der Stoffwechsel. Auch das Herz-Kreislauf-System schaltet in einen erholsamen Modus um. Obendrein werden das Immunsystem gestärkt und Stresshormone abgebaut.
Wie und warum Hypnose unser Unbewusstes genau beeinflusst, ist Wissenschaftlern noch immer ein Rätsel. Sicher ist, dass sie wirkt: Etwa bei Menschen, die sich vor dem Zahnarzt fürchten. Durch eine hypnotische Trance können Ängste abgebaut und das Schmerzempfinden gesenkt werden. Auch in der Raucherentwöhnung, zur Unterstützung beim Abnehmen oder bei Migräne wird das Verfahren erfolgreich angewendet. Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, sollen wissenschaftlichen Studien zufolge ihre Chancen auf ein Baby durch eine begleitende Hypnose erhöhen können.
Kleine Geschichte der Hypnose
Erste Quellen über hypnotische Rituale hinterließ schon einer der ältesten Hochkulturen, die Sumerer. Im antiken Griechenland gab es bereits Heilzentren, in denen Hypnose gezielt eingesetzt wurden. Auch viele Naturvölker glaubten – und tun es noch heute – an ihre Heilkraft. Schamanen, Medizinmänner und andere Heiler nutzen trancebringende Riten wie Trommelschlagen, rhythmische Gesänge und Tänze. Ende des 19. Jahrhunderts gründete der französische Neurologe Jean-Martin Charcot die erste Hypnose-Schule und machte die Technik als Therapieform berühmt. Einer seiner Schüler war der spätere Begründer der Psychoanalyse Siegmund Freud. Der erteilte seinen Patienten Suggestionen im Befehlston, wandte sich jedoch mangels Erfolgen von der Methode ab. Der wichtigste Erfinder der modernen Hypnotherapie war der amerikanische Psychiater Milton H. Erickson. Ähnlich wie Freud ging er von der Kraft des Unbewussten aus, jedoch nicht als Nistplatz für Neurosen, sondern als sprudelnde Quelle positiver Energie. Hier seien alle bisher erworbenen Erfahrungen gespeichert und damit auch die Fähigkeiten des Menschen, sein Leben zu bewältigen.
Auf Basis von Ericksons revolutionären Neuerungen in der Hypnosetechnik sowie wissenschaftlichen Belegen aus der Gehirnforschung erlebt die Therapieform seit den 70er Jahren in fast allen westlichen Ländern einen Aufschwung. Seit vier Jahren wird sie übrigens vom wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wirkungsvolle Methode für Suchterkrankungen und psychosomatische Störungen (z. B. Schlafstörungen, chronische Schmerzen) anerkannt.
Von außen nach innen und zurück
Das Wort Hypnose stammt von „Hypnos“, dem griechischen Gott des Schlafes. Ein irreführender Name, gilt doch die hypnotische Trance heute als eigenständiger Bewusstseinszustand, der weder dem Schlaf noch einem normalen Wachzustand gleicht. „Trance lässt sich als Reise in die eigene Mitte versinnbildlichen“, sagt Dr. Wolfgang Blohm. „Die Aufmerksamkeit wird von außen nach innen gerichtet.“ Nach diesem Verständnis hat wohl jeder von uns schon eine „Mini-Trance“ erlebt: Wenn man mit offenen Augen träumt, ein spannendes Buch liest oder musikalischen Klängen lauscht.
Bei einer Hypnotherapie wird dieser Zustand bewusst herbei geführt. „Zunächst wird gemeinsam das Ziel definiert, das der Klient erreichen möchte“, erklärt Dr. Wolfgang Blohm. Die Vorstellung, dass man unfreiwillig Intimes ausplaudert, darf man getrost vergessen. Denn: „Gegen den Willen des Klienten kann Hypnose nie wirksam sein“, so Blohm. Durch sanftes Sprechen führt der Therapeut den Klienten in die Trance. Dies kann sehr schnell gehen oder bis zu einer halben Stunde dauern. Oft wird dieser Bewusstseinszustand als eine Art Schwebegefühl wahrgenommen, manch einer fühlt sich einfach nur ruhig und gelassen.
Im nächsten Schritt geht es in die Behandlungsphase. Hier versucht der Therapeut, das Unbewusste mit metaphorischen Geschichten und mutmachenden Botschaften zu stärken. Ziel dieser sogenannten Suggestionen ist es, eingefahrene Verhaltensmuster zu durchbrechen, seelische Blockaden zu lockern und Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Dabei wird mit Träumen, Erfahrungen und Phantasien des Patienten gearbeitet. Eine besonders spektakulär wirkende Hypnosetechnik ist die Rückführung in ein früheres (fiktives) Leben. Ob man nun daran glaubt oder nicht: „Manchen Menschen fällt es leichter, ihre Probleme „in der Vergangenheit“ zu lösen“, meint Dr. Wolfgang Blohm. „Und spürbar werden diese Lösungen ja in der Gegenwart.“ Am Ende jeder Sitzung steht die Reorientierungsphase. Hier wird die Trance behutsam zurückgenommen und die Wahrnehmung des Patienten von innen nach außen gelenkt.
Meditation oder Hypnotherapie?
Die Aufmerksamkeit aufs Innere lenken, sich konzentrieren, mit Bildern arbeiten – das ist auch das Prinzip der Meditation. „Auf den ersten Blick scheint es nahe zu liegen, beide als ähnliche Phänomene aufzufassen“, schreibt Prof. Dr. Ulrike Halsband von der Universität Freiburg in ihrer Untersuchung „Meditation und Hypnose“. Nach Meinung der Forscherin bestünden jedoch nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch erhebliche Unterschiede. Dazu gehörten bei der Hypnose unter anderem die Interaktion mit einem Hypnotiseur und die Arbeit mit Erinnerungen. Bei der Meditation liege der Fokus vor allem auf dem Hier und Jetzt. Auch eine zwischenmenschliche Komponente sei kein wesentlicher Bestandteil, so die Expertin.
Wer an einer Hypnotherapie interessiert ist, wendet sich am besten an einen speziell ausgebildeten Arzt oder Psychotherapeuten. Bei der Wahl dürfen Sie gern wählerisch sein: Verfügt er/sie über Fingerspitzengefühl? Stimmt die Chemie? Ist ein vertrauensvolles Verhältnis vorstellbar? Kontakte zu Hypnotherapeuten erhält man beim Berufsverband Deutscher Psychologen oder der Deutschen Gesellschaft für Hypnose. Die Hypnotherapie wird von gesetzlichen Krankenkassen bisher nur in Ausnahmefällen bezahlt, Privatkassen übernehmen in der Regel die Kosten. Eine psychotherapeutische Hypnosesitzung kostet etwa 80 bis 120 Euro. Die Zahnärztliche Hypnose liegt bei etwa Euro 80 bis 150 Euro. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse kann sie möglicherweise für den Patienten kostenfrei integriert werden.
Der Heilungsprozess setzt übrigens oft schon nach der zweiten oder dritten Sitzung ein. Das hängt mit der menschlichen Fähigkeit zusammen, bildhafte Botschaften in Trance besonders gut aufnehmen und speichern zu können. Und so öffnet die „alte Dame“ Hypnose manch verschlossene Tür unserer Seele – und erweist sich als moderne Heilmethode mit besten Zukunftsaussichten.
Probleme lösen durch Selbsthypnose
Sie möchten ein paar Kilo abnehmen, mit dem Rauchen aufhören oder Stress besser meistern? Dann müssen Sie nicht gleich einen Termin beim Therapeuten vereinbaren. Selbsthypnose kann ein effizienter Weg sein, alltägliche Probleme in den Griff zu bekommen.
So geht’s: Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, an dem Sie sich geborgen fühlen. Das kann Ihr Lieblingssessel sein oder eine Wiese im Park. Bevor Sie beginnen, sollten Sie Ihr Ziel definieren und in ein bis zwei Sätzen zusammenfassen. Für eine Wohlfühltrance können Sie einen Gegenstand fixieren, Musik hören, mit Körperwahrnehmung arbeiten, etwa in der Art „Mein linker Arm ist warm und schwer ...“. Oder Sie probieren eine Atemtechnik. Auch Bilder oder eine gedankliche Reise zu angenehmen Erinnerungen können den Weg zum Unbewussten ebnen. Ist die Trance erreicht, lassen sich Suggestionen einsetzen. Diese sollten positiv formuliert sein, zum Beispiel: „Jeden Tag habe ich mehr Freude daran, mich gesund zu ernähren“, oder „Ich werde schlanker, bis ich mein Traumgewicht erreicht habe – und fühle mich wohl dabei, zu jeder Zeit“. Wenn Sie für sich soweit sind, können Sie ins Hier und Jetzt zurück kehren. Genießen Sie noch einmal bewusst Ihren entspannten Zustand, zählen Sie dann langsam von eins bis drei. Öffnen Sie Ihre Augen und fühlen Sie Ihre Wachheit und das wohlige Gefühl.
Mehr zum Thema finden Sie im Buch „Selbsthypnose und Hypnotherapie“ von Dr. Wolfgang Blohm (mvg Verlag). Auch Hypnose-CDs sind hilfreich, z. B „Der tropische Wasserfall“ von Agnes Kaiser Rekkas (Carl Auer Verlag).
Die 5 Mythen über die Hypnose
Werner Eberwein, Hypnotherapeut aus Berlin und Buchautor („Wie Hypnose wirkt“, Schirner Verlag sowie „Die Kunst der Hypnose“, Kösel Verlag) bringt Licht in hypnotische Welten.
Mythos 1: Nicht jeder Mensch ist hypnotisierbar
Das ist hauptsächlich eine Frage der Motivation des zu Hypnotisierenden und der Fähigkeit des Hypnotiseurs, flexibel auf den Klienten einzugehen. Klienten, die sich Dinge lebendig vorstellen oder leicht in Fantasien aufgehen können, gehen oft schneller und tiefer in die Trance.
Mythos 2: Hypnotisierte verlieren die Kontrolle über sich
Ein Mensch in Trance überlässt dem Hypnotherapeuten in gewissem Umfang und für die Zeit der Trance bestimmte psychische Steuerungsfunktionen, z. B. lässt er zu, dass dieser lebendige Phantasiebilder in ihm erzeugt. Ein professioneller Hypnotherapeut strebt jedoch niemals an, "Kontrolle" über den Klienten zu erreichen, oder ihn zu etwas zu bringen, was er nicht will.
Mythos 3: Hypnose ähnelt einem narkoseähnlichen Zustand
Narkose ist ein medikamentös herbeigeführter Zustand der Bewusstlosigkeit. In einer Hypnose bleibt der Klient in ständigem Kontakt mit dem Therapeuten. Studien belegen, dass durch die Entspannung des Körpers in Trance die Schmerzempfindlichkeit sinkt und sogar vollkommene Schmerzfreiheit erreicht werden kann. Daher wird diese heute bei einigen Eingriffen angewendet, etwa bei Zahn- oder Augenoperationen.
Mythos 4: Ein Hypnotiseur kann unerwünschte Dinge suggerieren
Das kann funktionieren und wird unter anderem von einigen Sekten praktiziert. Wie schon die Experimente des Sozialpsychologen Milgram beweisen, kann man aber auch ohne Hypnose Menschen dazu bringen, Dinge zu tun, die ihren eigenen Interessen entgegenlaufen. Daher kann man davon ausgehen, dass das auch in Trance möglich wäre. Professionelle Hypnotherapeuten würden das aber niemals tun. Es würde ihrem Ehrenkodex und ihrer Berufsordnung widersprechen.
Mythos 5: Ohne Hilfe bleiben Hypnotisierte in Trance
Nein, irgendwann kommt jeder aus der Trance heraus. Wie Untersuchungen belegen, dauert das im Durchschnitt etwa 20 Minuten. Wird die Rückorientierung in den Wachzustand hinein nicht sorgfältig eingeleitet, so fühlt man sich nachher für eine Weile etwas verwirrt und benommen. Daher muss jede professionelle Trance gründlich zurückgenommen werden.
Praktische Informationsportale
Psychotherapie-Informationsdienst (PID), Am Köllnischen Park 2, 10179 Berlin, Tel. 030-209166330, www.psychotherapiesuche.de
Milton H. Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose e.V., Waisenhausstraße 55, 80637 München, Tel. 089-34029720, www.meg-hypnose.de
Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie e.V., Druffels Weg 3, 48653 Coesfeld, Tel. 02541-880760, dgh-hypnose.de
Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose e.V., Esslinger Str. 40, 70182 Stuttgart, Tel. 0711-2360618, www.dgzh.de
Eingangsportal der deutschsprachigen Hypnosegesellschaften: www.hypnose.de
Autor: Andrea Mauer
Bild: Shutterstock
Aus: natürlich Gesund, Ausgabe 3/2010
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