natürlich GESUND
Sonntag, 05.02.2012      





Mehr Zeit für Kinder, ja bitte!

Objektiv betrachtet verfügen alle Menschen über das gleiche Zeitbudget. Subjektiv betrachtet, sieht die Sache anders aus: Zeit scheint permanent zu fehlen. Schade, wenn es sich dabei um Zeit handelt, die wir mit unseren Kindern verbringen könnten. Regina Lindhoff von Mehr Zeit für Kinder e.V. berichtet von ihren Erfahrungen und gibt wertvolle Tipps.

Tempus fugit – die Zeit flieht; als Uhreninschrift war der bekannte lateinische Spruch früher häufig zu lesen. Gut so, schließlich provozierte er beim Betrachter den ungemütlichen Gedanken, wie kurz das irdische Leben doch ist. Heute sollte dieser Spruch noch viel öfter zu sehen sein, schließlich scheint die Zeit immer knapper zu werden. Aber tut sie das denn wirklich? Die Frage ist: Können wir an unserem Empfinden, dass die Zeit nur so rennt, etwas ändern? Oder zumindest daran etwas ändern, WIE wir unsere Zeit verbringen?

Was die Menschen mit ihrer Zeit anfangen, darüber gibt es unzählige Studien. Statistiker haben berechnet, wieviel Zeit seines Lebens etwa ein Mensch verschläft. Man hat Berechnungen darüber angestellt, wieviel Zeit ein Büroangestellter ohne Störung durch Telefon oder Kollegen tatsächlich in Ruhe denken und arbeiten kann. Es gibt sogar Studien, wieviel Zeit Eltern pro Tag ihren Kindern widmen. Alle zehn Jahre veröffentlicht das Statistische Bundesamt die sogenannte Zeitbudgeterhebung, der eine Befragung von rund 5.400 Haushalten zugrunde liegt. Die Ergebnisse der letzten Erhebung aus den Jahren 2001 und 2002 können interessierte Eltern im Internet nachlesen. Eine weitere repräsentative Studie, das sogenannte sozioökonomische Panel, befragt wiederholt mehr als 20.000 Menschen in 12.000 Haushalten. Demnach verbrachten Männer und Frauen im Jahr 2006 weniger Zeit mit Kochen, Spülen und Putzen als 20 Jahre zuvor, dafür aber deutlich mehr Zeit mit ihren Kindern. Männer pro Tag etwa 100 statt früher 65 Minuten, Frauen sieben statt früher vier Stunden.

Es wird nicht gezählt

Interessant. Aber was sind schon Zahlen? Versetzen wir uns in die Perspektive unserer Kinder. Für sie zählt nicht, ob die Stunde 60, 80 oder 100 Minuten hat oder wie lange die nächste Mau-Mau-Runde dauert. Ihr Zeitempfinden ist ein anderes als das von Erwachsenen. Sie wollen am liebsten das tun, was ihnen Spaß bringt, was ihre Neugier befriedigt, was ihnen Wohlgefühl vermittelt – und das am besten hier und jetzt. Nicht gleich, nicht später – jetzt!

Für Kinder zählt also nicht, ob Mama in einer Stunde das Mittagessen auf dem Tisch haben möchte oder ob Tante Paula bei ihrem morgigen Besuch eine sauber geputzte Küche erwartet. Und sie rechnen natürlich auch nicht voraus, wann sie sich für den Termin beim Kinderarzt bereit machen sollten. Es ist auch gut für uns, wenn wir uns bewusst machen, dass Kinder anders „ticken“. Und das aus drei Gründen:

1.Wir bringen mehr Verständnis für das kindliche Verhalten auf und können vorprogrammierten Konfliktsituationen entspannter entgegen sehen. Geben wir etwa vor dem Kinderarzttermin die 10-Minuten-Parole zu Vorbereitungsmaßnahmen früher aus, dann regen wir uns auch weniger über trödelnde Kinder auf.

2.Entschleunigung können wir ideal von unseren Kindern lernen. Sie tun es nämlich von selbst und genießen ihre Freude am Augenblick. Schauen wir es Ihnen einfach ab. Die Welt um uns herum bricht deshalb nicht zusammen.

3.Wenn die Zeit zu knapp ist für komplette Bastel- und Spielnachmittage, brauchen wir kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Kinder stehen nicht mit der Stoppuhr neben uns und führen Tagebuch über das ihnen gewidmete Zeitkontingent. Was zählt, ist die gemeinsam erlebte und gefühlte Zeit.

Du bist mir wichtig!

Jeder Mensch trägt Erinnerungen an seine Kindheit in sich, manche präsent, manche unbewusst. Was wir erleben und wahrnehmen, was wir sehen, fühlen, riechen, schmecken und anfassen – alle diese Erfahrungen wirken in uns weiter. Dazu der bekannte Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer aus Ulm: „Jede Erfahrung löst im Gehirn Aktivierungsmuster von wenigen Millisekunden aus. Vor allem, was über mehrere Sinne hineingelangt, beeinflusst langfristig das Gehirn. Je mehr Erfahrungen also ein Kind macht, desto deutlicher zeichnen sich die hinterlassenen Spuren in seinem Gehirn ab. Langfristig kristallisiert sich aus ihnen unsere Individualität.“

Womit Kinder ihre Zeit verbringen, ist aber nicht für die Entwicklung geistiger Fähigkeiten von Bedeutung. Wenn Kinder spüren, dass sie ernst genommen werden, ist der Grundstein für Selbstbewusstsein, Lernmotivation und Lebensfreude gelegt. Das macht im Familienalltag viele Signale nötig, die dem Kind immer wieder sagen: „Du bist mir wichtig!". Das Gefühl von Liebe macht Kinder stark und widerstandsfähig, auch in späteren Lebensphasen. „Resilienz“ nennen Psychologen die oft beneidete Eigenschaft, wenn Menschen trotz widriger Lebensumstände ihr Leben meistern.

Rituale machen´s leichter

Soweit die Theorie. Doch wie lassen sich diese Punkte im Alltag realisieren? Die gute Nachricht: Wie bereits erwähnt, geht es nicht um Zeitquantität, sondern -qualität. Und die nächste gute Nachricht: Es geht immer! Jede Familie entscheidet selbst über gemeinsame Zeitfenster.

Rituale sind hierfür ein wichtiger Schlüssel. Denn wenn etwas schön war, lieben Kinder die Wiederholung. „Noch einmal!“ heißt es zum Beispiel, wenn Onkel Thomas zur Begrüßung den Jüngsten durch die Luft wirbelt oder wenn die Gutenacht-Geschichte zum 20. Mal vorgelesen werden soll. Rituale vermitteln eben Sicherheit und Geborgenheit. Sie stärken das Selbstvertrauen und das Ich-Bewusstsein.

Im familiären Alltag gibt es für Rituale viele Gelegenheiten. Und es gibt viele Möglichkeiten, mehr Zeit dafür zu gewinnen. Enorme Zeitfresser und Gegner von familiären Ritualen sind Fernseher, Computer, Gameboy & Co. Wenn am besten von Anfang an interessante Alternativen geboten werden – und dazu gehört auch Exklusivzeit von Mama und Papa –, dann haben elektronische Medien gleich weniger Zugkraft. Also lieber den Fernseher öfter mal ausgeschaltet lassen und sich Zeit für ein gemeinsames Spiel nehmen. Eine gemütliche Kuschelecke im Wohnzimmer, ausgestattet mit Kissen, Decken und Kuscheltieren, gibt Kindern im wahrsten Sinne des Wortes das benötigte Nestegefühl. Ihrer Phantasie für ähnliche Ideen sind dabei keine Grenzen gesetzt! Alles ist toll, was Sie und Ihre Jüngsten brauchen, um mal wieder das Gefühl zu haben: Ich bin meiner Familie wichtig, wir gehören zusammen.

Gemeinsam stark

Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich als Gedankenstütze kleine Notizzettel an die Wohnungstür, den Kühlschrank oder den Schreibtisch kleben? Warum solche Kurznachrichten nicht auch als kleine Liebesbeweise gelegentlich den Kindern schreiben? Wenn Ihr Sohn eine schwierige Mathearbeit vor sich hat, motiviert ihn ganz sicher eine liebevolle Notiz in seinem Mäppchen. Auch die Vorfreude auf gemeinsame Ausflüge oder einen Spielnachmittag lässt sich durch überraschend vorgefundene Nachrichten einige Tage vorher erhöhen.

Schöne Erlebnisse mit der Familie wirken übrigens noch lange nach. Die schönsten Urlaubsfotos können zum Beispiel gut sichtbar für alle an die Wand gehängt werden, am besten in Esstischnähe, wo der Blick immer wieder drauffällt. Apropos Tisch: Auch das Zubereiten und Einnehmen der Mahlzeiten ist ein Gemeinschaftserlebnis. Es schmeckt den Kleinen gleich viel besser, wenn sie beim Kochen helfen und auch bei der Auswahl des Gerichts mitentscheiden dürfen. Und wenn man nicht den geplanten Gemüseeintopf verschieben möchte, dann kann man Kinder schnell davon ablenken, wenn sie den Tisch mit Muscheln oder selbst bemalten Servietten dekorieren können. Eine schöne Atmosphäre ohne viel Aufwand ist schnell geschafft. Und so manches Energiebündel zeigt sich plötzlich beim Kerzenanzünden von seiner ruhigen Seite. Die Zeit nach dem Essen kann übrigens gut für Familienkonferenzen und gemeinsam zu treffenden Entscheidungen genutzt werden.

Wie geht es Bella?

Sind vor allem jüngere Sprösslinge eher wortkarg, kommt man über die geliebten Plüschtiere mit ihnen ins Gespräch. Man kann sich immer wieder wundern, was Kinder ihren Kuscheltieren so alles erzählen. Teddy, Schäfchen Bella oder Hase Hoppel sind gute Vermittler bei einer Unterhaltung zu dritt, beispielsweise vor dem Schlafengehen. Gute-Nacht-Geschichten sind natürlich auch ein sehr schönes Ritual. Und wenn tagsüber dazu wirklich keine Zeit war, sollten Eltern vor dem Schlafengehen nach Erlebnissen des Tages fragen und schöne Erfahrungen noch einmal herausstellen.

Um mit älteren Kindern ins Gespräch zu kommen, die ihr Herz nicht auf der Zunge tragen, ist es bei Fragen nach der Schule oder den Erlebnissen des Tages hilfreich, wenn die Frage konkret und offen formuliert ist. Ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ als Antwort ist dann nämlich nicht möglich. Am besten die Frage mit einem „Was“ oder „Wie“ einleiten. Bewährt hat sich in manchen Familien auch ein sogenanntes Gefühlsbarometer – oft selbst gebastelt und von den Kindern je nach Stimmung eingestellt. An oder neben der Tür zum Kinderzimmer angebracht, signalisiert es den Eltern die aktuelle Stimmungslage und ob ein Gespräch sinnvoll oder vielleicht auch gerade mal nicht erwünscht ist.

Wertvolle Unterstützung bei Zeitnot liefern die Großeltern - vorausgesetzt, sie wohnen in der Nähe. Heute ist die Berufstätigkeit beider Elternteile eher Regel als Ausnahme. Um so schöner ist es, kann man auf die Unterstützung von Oma und Opa zählen. Sie bringen den Enkelkindern viele Dinge mit mehr Ruhe bei und halten sich dadurch selbst geistig und körperlich fit. Die gemeinsame Zeit von Alt und Jung führt im Übrigen auch zu einem besseren Verständnis zwischen den Generationen.

Rollentausch für einen Tag

Gegenseitiges Verständnis erleichtert überhaupt den sozialen Umgang. Wie wäre es hier mit einem eintägigen Rollentausch? Es gibt nichts Effizienteres um allen Beteiligten zu zeigen, womit sich „die andere Seite“ tagtäglich auseinandersetzt, welche Aufgaben zu erledigen und welche Entscheidungen zu treffen sind, was schön und was nicht schön ist. Wetten, dass am Abend alle wieder froh sind, wenn sie wieder ihre gewohnte Rolle übernehmen dürfen?

Ganz wichtig für den Austausch innerhalb der Familie ist gegenseitiges Lob, Bestätigung und Motivation. Niemand hat Spaß daran, immer nur mit Kritik konfrontiert zu werden. Eltern sollten sich für die Schwierigkeiten ihrer Kinder, aber auch ihren Hobbys und Freunden interessieren. Und wenn möglich: Versprechen immer einhalten! Sollte das mal nicht möglich sein, dann haben Kinder zumindest eine nachvollziehbare Erklärung und eine kleine Entschuldigung verdient. Denn so klein sie auch manchmal noch zu sein scheinen, Kinder sind die großen Stars in der Manege des Lebens und helfen uns dabei, selbst noch ein wenig klein sein zu dürfen.

Mehr Zeit für Kinder e.V.

Seit 1987 engagiert sich der Verein Mehr Zeit für Kinder mit Sitz in Frankfurt am Main bundesweit für die Interessen von Familien und Kindern. Neben der Veranstaltung von Familienprogrammen zum Mitmachen, gibt er alltagsnahe Bücher und Broschüren für Familien sowie Arbeitsmappen für Erzieher heraus. Die fachliche Unterstützung übernehmen dabei Familienforscher, Ärzte, Psychologen, Verhaltensbiologen, Logopäden und Pädagogen. Die Initiative „Spielen macht Schule" bringt etwa Kindern wieder das Spielen in Zeiten von Fernsehen und Gameboy näher. Die Initiative „Zeit für Oma & Opa" widmet sich hingegen Senioren und ihren Enkelkindern. Informieren Sie sich selbst: Mehr Zeit für Kinder e.V., Fellnerstraße 12, 60322 Frankfurt, Tel. 069-156896-0, www.mzfk.de

Sehr zu empfehlen sind folgende Bücher (Hrsg.: Mehr Zeit für Kinder e.V. und Barmer):
• „Kluge Gefühle – Ein Familienratgeber zur Förderung der emotionalen Intelligenz“, € 11,80
• „Du schaffst das! – Tipps und Anregungen für Eltern, wie Kinder das Leben meistern lernen“, € 9,20
• „Essen – ein Abenteuer?! Wie die tägliche Ernährung in der Familie Spaß macht und gesund hält“, € 14,80


Bild: Shutterstock
Aus: natürlich Gesund, Ausgabe 3/2010

Druckversion dieser Seite
Diese Seite weiterempfehlen


 
[ Home ] [ Sitemap ]
 


Aufrufe dieser Seite: 3846
Seiten-Generation dauerte 2.5295 Sekunden